Sonntag, 29. März 2020

Rezension: Emotion Caching (Heike Vullriede)

Luzifer Verlag
Klappenbroschur, 320 Seiten
ISBN: 978-3-95835-062-5
13,95 €

eBook, 4,99 €
ISBN: 978-3-95835-063-2

Ein kurzer Einblick

»Emotion Caching« – ein Spiel der Gefühle. Kim und ihre Freunde sammeln Gefühle. Bewaffnet mit einer Kamera begeben sich die Jugendlichen auf die Suche nach extremen Emotionen. Kim, die seit dem Verlust ihres Vaters auf der Suche nach einem Emotions-Kick ist, hofft damit, der Gefühlskälte ihres Herzens zu entkommen. Was als Spiel begann, dramatisiert sich zu einem Selbstläufer, dessen Kontrolle Kim immer mehr zu verlieren beginnt.

Bewertung

»Emotion Caching« ist ein Psycho-Thriller, ein Krimi der Gefühle, das Opfer die Menschlichkeit. Kim hat ihre Emotionalität verloren, der Verlust ihres Vaters in der Kindheit hat sie zutiefst verstört. Seitdem ist sie immer auf der Suche nach dem nächsten Kick, der nächsten Extremsituation, um eine Gefühlsregung zu erzwingen. Doch selbst Knochenbrüche lassen das Mädchen kalt. Da kommt ihre eine Idee: Emotion Caching. Wenn sie selbst nichts fühlen kann, hilft es vielleicht, die Emotionen fremder Menschen einzufangen und auf Video zu bannen. Gemeinsam mit ihrer Clique aus Benny, Nico und Lena plant sie die ersten Taten. Einzige Bedingung: Es dürfen keine gewöhnlichen Emotionen sein, es müssen Extreme sein: absolute Verzweiflung, Euphorie, abgrundtiefe Angst, …
Anfangs ist das ganze nur ein Spiel. Ein Spiel, das moralisch fragwürdig ist, aber für pubertierende Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen stammend ein willkommenes Ventil. Kim hängt den Verlust ihres Vaters ihrer Mutter an und möchten den neuen Freund zur Hölle jagen. Lenas Eltern zwingen ihr die Elternrolle für ihren 10-jährigen kranken Bruder auf. Nicos Familie entzieht sich jedweder Verantwortung, sodass er auf sich allein gestellt ist. Bennys Vater ist ein saufender Anwalt, der seinen Sohn schlägt. Alle haben sie die Schule aus unterschiedlichen Gründen nicht geschafft. Perspektivlosigkeit treibt die Jugendlichen an. Ihr einziger Zusammenhalt ist ihre Clique.

Heike Vullriedes packender Thriller hält sich kaum (und dankenswerterweise) mit Sentimentalitäten auf. Ihr Stil ist nüchtern, aber eindringlich. Ihr Stil ist eingängig, verliert aber niemals das Wesentliche aus dem Blick. Die Autorin schafft es, die Entwicklung der Geschichte mit der Fortentwicklung der Charaktere zu vereinen, ohne die Glaubwürdigkeit von Entscheidungen zu vergessen. Sie spielt nicht nur mit den Ängsten ihre Figuren, sondern auch mit der Moralität des Lesers. Insgesamt werden die Entscheidungen ihrer Figuren viel zu spät hinterfragt. Viel zu lange stehen die perfiden Taten gegenüber den Mitmenschen im Vordergrund. Die Figuren sollen so handeln, denn es ist ja nur ein Spiel. Warum Gedanken über etwas machen, das niemandem etwas Böses will? Die eingestreuten »Darf man das?« gehen jedoch unter, sodass die Frage gestellt werden muss: Regiert die Dramatik über der Menschlichkeit und der Zivilcourage? In wenigen Momenten wird genau dieser Eindruck erweckt. Andererseits ist dies Meckern auf extrem hohen Niveau und die zunehmende Geschwindigkeit und Eindringlichkeit der Handlung verstehen dies auch sehr gut zu verbergen.

Fazit

»Emotion Caching« ist ein eindringlicher, dramaturgisch hervorragender Psycho-Thriller der Gefühle. Die Autorin besinnt sich auf das Wesentliche und bläht den Roman nicht um eine ethische Diskussion auf. Die Jugendlichen, ihre Perspektivlosigkeit und ihre Suche nach einem persönlichen Ziel, treiben die Handlung voran; ebenso wie der stets steigende Kick ihres immer verwerflicheren Spiels.

4 von 5 Punkten

Geschrieben von um 19:31 Uhr.

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