Samstag, 28. April 2018

Rezension: Geschichte der Belagerung von Lissabon (José Saramago)

Rowohlt Taschenbuch Verlag
Taschenbuch, 425 Seiten
ISBN: 978-3-499-22307-5
8,99 €

Ein kurzer Einblick

Raimundo da Silva ist seit vielen Jahren freiberuflicher Korrektor. Immer hat er seine Arbeit gewissenhaft erfüllt, doch eines Tages kommt es ihm in den Sinn und der ergänzt in einem Buch über die Geschichte Lissabons ein Wort, statt das Buch zu korrigieren. Diese Entscheidung verändert sein Leben: er schreibt nun seine eigene Geschichte der Belagerung von Lissabon und beginnt eine Liebesaffäre…

Bewertung

Das Werk „Geschichte der Belagerung von Lissabon“ ist einer der früheren Romane von José Saramago und einige Zeit vor der Verleihung des Nobelpreises an ihn erschienen. Zwar kann man in dem Roman schon die Schreib- und Erzählkunst Saramagos mit seinen bekannten Charakteristika erkennen, doch leider erreicht dieses Werk um Längen nicht die Klasse wie etwa „Die Stadt der Blinden“.
Saramago macht in „Geschichte der Belagerung von Lissabon“ einen interessanten Zwiespalt auf: Ein Korrektor, der sich nie etwas zu schulden kommen lassen hat, verfälscht absichtlich ein Buch und das nicht aus Boshaftigkeit gegenüber dem Autor oder dem Verlag, sondern einfach so, weil es ihm gerade in den Kopf kommt. Diese Handlung ist rational nicht nachvollziehbar, bringt aber ganz neuen Schwung in das driste Leben des Korrektors. Zunächst schwilgt er in der Ungewissheit, wann das ergänzte Wort wohl entdeckt und ob er ihm zugeschrieben wird und dann muss er der Dinge harren, wie sein berufliches Leben nun weitergeht. Doch das alles bringt ihm nur die verlorene Spannung zurück, lässt ihn vieles abwegen und den Leser über scheinbar irrationale Handlungen nachdenken.
Bis zu diesem Zeitpunkt hat der Roman durchaus seinen Reiz, doch als die Entscheidung über die Konsequenzen für Raimundo da Silva gefallen ist, verliert der Roman diesen immer mehr. Die sind anbandende Liebesgeschichte wird sachlich, ohne große Spannungsbögen aufgezeigt und verläuft ohne Höhen und Tiefen, sodass sie den Leser wenig mitzieht. Es fällt schwer, sich mit den Figuren zu identifizieren und mit ihnen mitzufühlen. Zudem scheint es von Anfang klar, was mit den Liebenden geschieht, sodass ihre Liebesgeschichte wenig Reiz für den Roman ausmacht.
Die einzige Rolle, die die neue Frau in Raimundo da Silvas Leben spielt, ist, dass sie ihn ermutigt, selbst schriftstellerisch tätig zu werden. Doch ab dem Zeitpunkt, als er schließlich beginnt, zu schreiben, wird der Roman stetig schwieriger zu lesen. Nicht nur, dass die Romanhandlung im Textfluss nicht mehr von der Handlung des Romans, den Raimundo da Silva schreibt, unterschieden wird, und beides abwechselnd aufeinander folgt, auch die Geschichte, die Raimundo da Silva erzählt, ist wenig mitreisend. Seine Geschichte der Belagerung von Lissabon ist so detailreich, dass sie wenig auf die zentralen Entscheidungen dieses historischen Ereignisses abhebt, sondern sich im Kleinklein verliert. Leser, die sich für kleinste Details der Geschichte Lissabons interessieren, finden daran eventuell Gefallen, alle anderen müssen sich durch detaillierte Beschreibungen zu einem historischen Ereignis, über dessen Kontext sie ansonsten wenig wissen, quälen.

Fazit

José Saramago macht in „Geschichte der Belagerung von Lissabon“ einen interessanten Zwiespalt auf, der den Leser über irrationale Entscheidungen und deren Folgen nachdenken lässt. Doch dieser vielversprechende Einstieg wird durch eine driste Liebesgeschichte und eine detailreiche Beschreibung eines historischen Ereignisses, über das die deutschen Leser wohl mehrheitlich wenig wissen, vertan.

2 von 5 Punkten

Geschrieben von um 16:34 Uhr.

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