Sonntag, 11. Oktober 2020

Rezension: Ich hole dir die Vögel vom Himmel (Brian Hodge)

Festa Verlag
Hardcover, 128 Seiten
Privatdruck, Keine ISBN
16,99 €

eBook, 4,99 €
ISBN: 978-3-86552-828-5

Ein kurzer Einblick

In der Hütte ihres Urgroßvaters Cecil Conklin entdeckt Nona die vergessenen Gemälde eines Mannes, dessen Wahnsinn aus der Kunst spricht. Die Gemälde sind der Versuch eines Irren, etwas unvorstellbares in Farbe zu fassen. Doch ein Gemälde fehlt. In Broadwater Hollow, auf der anderen Seite des Berges, im Geisterdorf könnte es verschollen liegen. Seit Jahrzehnten hat niemand mehr das Dorf betreten. Ein Grauen liegt dort verborgen, dass nicht geweckt werden sollte.

Bewertung

Die Geschichte ist konventionell, aber sprachlich eindringlich erzählt. Es ist keine Erzählung, die ewig in Erinnerung bleiben wird, aber ein kleines Schmuckstück, das für ein paar Stunden und eine Weile darüber hinaus begeistern kann. Brian Hodge greift die Angstatmosphäre und das unterschwellige Grauen eines H. P. Lovecraft auf, wandelt aber auf eigenen Pfaden. Vor allem die kongeniale Atmosphäre erinnert stark an die Stimmung alter Indianerlegenden wie z.B von Stephen Kings »Friedhof der Kuscheltiere«, besitzt aber ihren ganz eigenen Zauber. Der Autor hat sich die qualitative Messlatte verdammt hochgelegt. Fast gelingt es ihm, diese Qualität zu erreichen.

Die junge und lebenslustige Nona lebt tief in den Appalachen in einem Kaff, das die Blüte des Lebens schon lange überschritten hat. Als Nona im geerbten Haus ihres Urgroßvaters Cecil Conklin Gemälde entdeckt, zieht sie den Galeristen Timothy zurate. Dieser ist von der düsteren Stimmung der Bilder begeistert, stellt bei der Katalogisierung jedoch fest, dass der dritte Teil eines Triptychon fehlt. Cecil hatte im Dorf Broadwater Hollow auf der anderen Seite des Berges eine Geliebte. Dieses vegetiert seit Jahrzehnten als Geisterdorf unter den grünen Ranken der Natur verfallend dahin. Dennoch beschließt Timothy, dort nach dem fehlenden Gemälde zu suchen. Was er dort vorfindet, wird dem Schrecken einer uralten Legende gerecht.

Auf 130 Seiten erzählt Brian Hodge einen gruseligen Kurzroman. Unterbrechungen von unterschiedlichen Erzählstimmen, die Kommentare zum längst verstorbenen Cecil wiedergeben oder schlicht ihre Meinung kundtun, tragen mit ihren kurzen Einschüben viel dazu bei, eine in sich stimmige Erzählung zu ermöglichen. Die Sicht des Romans wird aus den Augen des Galeristen Timothy erzählt, dessen Blickwinkel auf das Geschehen selbstverständlich voreingenommen ist, Cecil aber auch nie kennenlernen konnte. Die kurzen Unterbrechungen lockern den erzählerischen Rahmen auf und geben der Handlung im Hier und Jetzt den benötigten Halt. Generell gibt Hodge alles, um auf den wenigen Seiten eine gelungene Geschichte zu erzählen. Gerade die Eindringlichkeit der Erzählstimme und der ruhige Tenor schmiegen sich wunderbar in die Abgeschiedenheit und das Säuseln des Windes in den Appalachen ein. Die Berge sind ausgehöhlt, abgetragen, riesige Gräber in der Landschaft, um ihr Erz beraubt. Nun liegt die Landschaft karg und brach wie ein Leichnam dar. Erst nachdem die bedrückende Landschaft auf den Leser einwirken konnte, wird das Grauen hinter dem Berg aufgebaut, dessen Kommen durch die Gemälde im Hause Cecils angedeutet wurde. Allein die Charaktere hätten etwas mehr Tiefgang vertragen, trotzdem sind sie vom ersten Moment an sympathisch und die kurze, aber gelungene, Einführung prägt ihren Charakter ausreichend, sodass sie nicht austauschbar oder bloße Schablonen sind. Das erzählerische Augenmerk liegt aber auch auf der wirklich hervorragenden Atmosphäre und der Schilderung der abgelegenen Gegend, um das Grauen hinter dem Berg wirkungsvoller gestalten zu können.

Ohne allzu viel vorwegzunehmen: Das Finale ist schlüssig und logisch, ohne wertend zu werden. Es ist das Ende einer Geschichte, die konsequent ihren Weg zu Ende geht und die Wahrheit in sich selbst trägt. Es ist eine Wahrheit, die nicht durch Moral, sondern durch das Sein getroffen wird. Es ist ein äußerst befriedigendes Finale, das sich erzählerisch in die Handlung einfügt und nicht versucht bombastisch oder überraschend einzuschlagen. Die düstere und melancholische Grundstimmung bleibt erhalten und klingt langsam aus. Es ist ein Ende, bei dem man noch mehrere Minuten sitzen bleibt, das Buch in den Händen wiegt und über die Handlung und das Grauen nachdenkt.

Fazit

»Ich hole dir die Vögel vom Himmel« ist ein beeindruckender, atmosphärischer und melancholischer Kurzroman, der seine ganz große Stärke aus der bedrückenden Landschaft schöpft. Die Ausarbeitung der Charaktere muss darunter leiden, doch fällt das gegenüber der wirklich phantastisch erzählten Gruselgeschichte nur geringfügig ins Gewicht. Die Qualität eines H. P. Lovecraft erreicht der Kurzroman nicht, steht aber ganz kurz davor mit dem großen Meister konkurrieren zu können.

4.5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 18:12 Uhr.

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