Dienstag, 05. Dezember 2017

Rezension: Immer nach Hause (Thomas Lang)

Berlin Verlag
Hardcover mit Schutzumschlag, 384 Seiten
ISBN: 978-3-8270-1333-0
20,00 €

Ein kurzer Einblick

Auf der Grundlage der Biografie von Hermann Hesse wird in diesem Buch ein Blick auf einen Abschnitt aus Hesses Leben geworfen. Dieser ist beinahe 30 Jahre alt und hat bereits seine ersten Bücher veröffentlicht, als er mit seiner neun Jahre älteren Frau Mia in das kleine Dorf Gaienhofen am Bodensee zieht. Sie beginnen ein Haus zu bauen und gründen eine Familie, doch Hesse fühlt sich immer unzufriedener, sieht sich in einer Schaffenskrise und begibt sich schließlich zur Kur am Monte Verità im Schweizer Kanton Tessin, während ihn Mia zu Hause eigentlich braucht und auf ihn baut…

Bewertung

Ich war zunächst unentschlossen, diesen Roman überhaupt zu lesen, bin ich doch seit vielen Jahren ein großer Hesse-Fan und habe auch schon ein paar Biografien über seine Person gelesen. Ob mir dann ein solch fiktives Buch über einen Abschnitt seines Lebens gefallen könnte, dessen war ich mir mehr als unsicher. Glücklicherweise gestaltet Lang ein derart lebendiges und einfühlsames Bild Hesses früher Jahre als Schriftsteller und Ehemann, dass man während der Lektüre sehr schnell aufhört, darüber nachzudenken, ob dies alles sich so überhaupt zugetragen hat und einfach gemeinsam mit dem Autor versucht, diesem Künstler in seinem Zwiespalt zwischen Familienleben und freiem Künstlertum näher zu kommen. Diesen Konflikt nämlich stellt Lang sehr überzeugend heraus. Er zeigt eindrucksvoll und psychologisch sehr tiefgehend auf, wie es zum Scheitern der Ehe zwischen Hermann und Mia Hesse kommen konnte, wenn auch nicht alle dargestellten Szenen im Buch wirklich geschehen sind. Die Grunddynamiken, Missverständnisse, fehlende Kommunikation zwischen den Eheleuten arbeitet Lang gelungen heraus, gleichzeitig verbunden mit einem eindrucksvolles Portrait des innerlich zerrissenen Hesse, der seinen Platz in der Welt noch sucht, ohne jedoch in Schuldzuweisungen abzudriften. Dabei werden Schwächen der Figuren offen zutage gelegt, was diese sehr menschlich und das Buch so glaubhaft macht. Ob die dargestellten Gründe wirklich zum Scheitern der Ehe der Hesses führten, rückt schlichtweg in den Hintergrund, vielmehr bekommt man ein eindrucksvolles Bild davon geboten, wie die Liebe zwischen zwei Menschen nach und nach verschwinden kann.
Das Buch wird dabei oft wechselnd aus der Sicht von Hermann und dann wieder von Mia geschildert und immer wieder mit Originalbriefen und Gedichten von Hesse untermauert. Einsetzen tut die Handlung 1907 mit dem Leben am Bodensee, nachdem bereits „Peter Camenzind“ und „Unterm Rad“ veröffentlicht wurden, Briefe davor geben einen kurzen Einblick in die Kennenlernzeit von Mia und Hermann Hesse und deren geplante Hochzeit. Der größte Teil des Buches widmet sich dann Hesses Kur im Tessin 1907, während Mia allein in Gaienhofen zurückbleibt, um dann einen Sprung ins Jahr 1918 zu machen, als Hesse für die Kriegsgefangenenfürsorge tätig ist und die Ehe kurz vor ihrem Scheitern steht. Dies wird mit Originalbriefen bis ins Jahr 1919 hinein abgeschlossen. Dabei merkt man dem Roman durchweg an, wie gut recherchiert er wurde, auch wenn, wie bereits mehrmals erwähnt, dieses Buch keine Biografie darstellt. Man begleitet einfach eine Figur, die Hermann Hesse nachempfunden ist, auf seiner Suche nach sich selbst, was sehr spannend zu lesen ist und ehrlich herausgearbeitet wird.

Fazit

Trotz meiner anfänglichen Zweifel war die Lektüre wirklich lohnenswert. Wenn man sich erst einmal davon löst, sich immer zu fragen, ob die geschilderten Erlebnisse wirklich so passiert sind – was man, wenn wir ehrlich sind, sowieso nie wissen können, da niemand von uns im Hause Hesse gelebt hat –, dann taucht man in diesen Roman ab, denkt über seine Hauptfigur nach, begleitet diese auf der Suche nach sich selbst und lernt auch für sich selber noch einiges. Was kann man viel mehr von einem Buch wollen?

4 von 5 Punkten

Geschrieben von um 10:39 Uhr.

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