Dienstag, 06. Februar 2018

Rezension: Käthe Kollwitz – Ein Leben gegen jede Konvention (Roswitha Mair)

Herder
Taschenbuch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-451-06973-4
16,00 €

Ein kurzer Einblick

Geboren 1867 im Kaiserreich, erkämpft sich die selbstbewusste und von vielen missverstandene junge Käthe ihre künstlerische Ausbildung. Sie wird Ehefrau, Mutter, verliert im Ersten Weltkrieg ihren jüngeren Sohn Peter und muss mit ansehen, wie sich die nach dem Krieg in den Köpfen der Menschen gefestigte pazifistische Einstellung mit dem Aufschwung der Nationalsozialisten immer mehr verliert. Als erste Frau erhielt sie ein Amt in der Preußischen Akademie der Künste, doch ihre Kunst wird unter Hitler boykottiert und im Zweiten Weltkrieg verliert sie auch ihren Enkel Peter. Trotz alledem kämpft sie als mittlerweile alte Frau immer weiter.

Bewertung

Ich wohne in einer Käthe-Kollwitz-Straße und das war auch der Grund, warum ich diese Roman-Biographie lesen wollte. Ich wollte wissen, wer Käthe Kollwitz war, wollte mehr erfahren über eine Frau, von der man noch wage etwas weiß und im Hinterkopf hat, was einem in der Schule beigebracht worden war.
Die Kindheit von Käthe Schmidt fängt für den Leser sehr interessant an. Die Autorin hat dieses Kapitel zwar relativ kurz, doch sehr intensiv beschrieben. Den tiefgründigen Charakter der jungen Käthe kann man sehr gut herauslesen und mich hat ihre innere Zerrissenheit, aber auch ihre Stärke fasziniert.
Danach geht die Autorin vermehrt auf Details ein, wie sich Käthe nach ihrer Hochzeit mit Karl Kollwitz und der Geburt ihrer beiden Söhne Hans und Peter ihr Leben als Künstlerin aufbaut. Gerade vor dem Hintergrund der geschichtlichen Ereignisse hätte diese Entwicklung sehr großes Potenzial gehabt, aber leider erzählt Roswitha Mair diesen Abschnitt sehr monoton und hat mich aufgrund der vielen Namen oft auch sehr verwirrt das Buch zur Seite legen lassen. Das war auch der Grund, warum ich immer kürzere Passagen mit immer größeren Zeitabständen gelesen habe, wodurch die Geschichte natürlich nicht einfacher wurde. Aber ich habe durchgehalten, ganz einfach deshalb, weil ich es nicht mag, Bücher einfach abzubrechen.
Wenig später wurde der Lesefluss auch wieder besser. Im Zuge des Ersten Weltkrieges, der Todesnachricht über ihren Sohn und ihren Schmerz bekam die Geschichte um Käthe Kollwitz eine enorme Eigendynamik, die mich plötzlich regelrecht gezwungen hat, weiterzulesen. Der Schrei nach Frieden ist regelrecht greifbar und all das geschilderte Leid macht einen fassungslos.
Auch in der weiteren Geschichte bleibt diese Sogwirkung jetzt erhalten und nimmt mit Beginn des Hitler-Regimes sogar noch zu, da man über diese Zeit bereits mehr im Hinterkopf hat und sich die Bilder im Kopf hinsichtlich des Alltagsgeschehens der Bevölkerung viel schneller bilden können. Käthe und Karl Kollwitz bleiben in Berlin und arbeiten weiter, doch Käthe wird von den neuen Machthabern immer häufiger boykottiert. Sie wird politisch vorsichtiger, doch verbiegen lässt sie sich nicht. Sie lebt bis zu ihrem Tod 1945 weiter nach dem Motto: „Glaub mir, glaub dem alten Goethe – wie kann man sich selbst kennenlernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln.“ (S. 214)

Fazit

Roswitha Mair hat eine sehr lebendige und einfühlsame Künstler-Biographie geschrieben, die zwar stellenweise etwas langatmig ist, doch den Leser dann auch wieder mitzuziehen weiß. Sie vermittelt einen sehr guten Einblick in das Leben, die Gedanken und die Arbeit von Käthe Kollwitz, die „zeichnete, während sie den Menschen zuschaute; sie blickte kaum aufs Papier. Sie wollte nicht nur Konturen erfassen, sondern das elementarste Menschsein.“ (S. 128) 

4 von 5 Punkten

 

Wir danken dem Herder Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Geschrieben von um 13:14 Uhr.

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