Dienstag, 20. Februar 2018

Rezension: Kin (Kealan Patrick Burke)

Voodoo Press
Taschenbuch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-902802-72-9
13,95 €

eBook, 4,99 €
ISBN: 978-3-902802-90-3

Ein kurzer Einblick

Claire Lambert ist die einzige Überlebende, die den Kannibalen entkommt. Das Wort Gottes spricht zu den Geistesgestörten. Das Wort Gottes leitet sie auf dem Pfad der Gewalt. Es ist das verdrehte Wort eines Glaubens, der einem tiefsitzenden Schmerz entsprungen ist. Claires Rache und das Wissen, dass die Mörder ihrer Freunde noch Leben, treiben die junge Frau an, Vergeltung zu planen.

Bewertung

»Kin« macht das richtig, was die Redneck-Romane von Richard Laymon oder Jack Ketchum nicht schaffen. Die Handlung geht an die Nieren. Die Atmosphäre frisst ins Gehirn. Die Eindringlichkeit lässt die Finger zittern. Der Roman erzählt eine typische Hinterwäldler-Geschichte, in der geistig degenerierte Menschen Touristen brutal ermorden und in der Vorratskammer ausbluten lassen. Und dann gibt es die Partei, die gegen die Kannibalen vorgeht, um dem blutigen Treiben ein ebenso grausames Ende zu setzen. Der Autor ruht sich hierauf aber nicht aus, sondern baut darauf eine eindringliche Handlung auf, die eher wie eine Charakterstudie wirkt. Es ist ein Einblick in die menschlichen Abgründe, veranschaulicht in düsteren Bildern, gekleidet in Psycho-Horror, untermalt von Gräueltaten. Es ist weniger die direkte Gewalt, die das Fürchten lehrt, sondern der Schrecken, der sowohl vom verqueren Glauben der Rednecks, als auch von der verletzten Seele, der Opfer ausgeht. Hinzu kommt der alltägliche Schrecken verkorkster Leben, der komatöse geistige Zustand derjenigen, die nicht wissen, wie man den Opfern gegenübertritt und der zielgerichtete Hass derjenigen, die auf Rache sinnen.
»Kin« ist ein vielschichtiger und tiefgängiger Roman, der nicht nur den roten Pfad kräftig beleuchtet, sondern auch Randerscheinungen Auftritte gewährt, um die Geschichte und die Charaktere glaubwürdiger auszubauen. So schwer vorstellbar die Häutung eines Menschen ist, ist die sexuelle Belästigung einer Kellnerin sehr viel leichter greifbar. Claire ist den Rednecks entkommen, verlor mehrere Zehen und Finger, ein Auge, wurde vergewaltigt und traumatisiert. Die Protagonisten sind geschunden und keine Helden. Sie kämpfen ums Überleben, sie kämpfen darum bei Verstand zu bleiben, sie kämpfen um die geistige Gesundheit. Papa-In-Grau, der Vater der Rednecks, dessen Seele bereits vor Jahren zerstört wurde, predigt seinen Söhnen das Wort Gottes in Worten, die unsere Moral auf den Kopf stellt. Auch er ist nur ein Opfer, ein Antagonist, der es nicht schaffe, mit schlimmen Erfahrungen fertig zu werden und in der Gesellschaft weiter Fuß zu fassen. Natürlich ist er im Roman der Bösewicht, seine Taten sind unverzeihlich, aber ist er deswegen verdammenswert? Helden und Schurken sind gleichermaßen die Opfer. Die Motivation beider Seiten ist nachvollziehbar und glaubwürdig. Kealan Patrick Burke erzählt aus vielen Perspektiven, denn die Charaktere sind zahlreich. Der Autor erschafft eine Welt des Leids, des Horrors, der Hoffnung, der Rache, des Unglaubens, des Schutzes, der Hilflosigkeit … Die Bilder, die geschaffen werden, sind psychedelisch düster und doch einfühlsam. Das Leiden aller Figuren ist spürbar. Der Roman beschäftigt sich mit seinen Charakteren, Randfiguren, den Motivationen, Hoffnungen und Gedanken. So gelingt es dem Autor, aus einem simplen Redneck-Roman, ein tiefgründiges Erlebnis menschlicher Abgründe zu erschaffen, das neben Gore und Gewalt den wahren Horror beleuchtet: Uns, den Menschen, der innerlich leidet und seinen Gedanken und Vorstellungen in der Welt Ausdruck verleiht.

Fazit

»Kin« mausert sich vom simplen Redneck-Roman zu einer vielschichtigen Charakterstudie. Dem Autor gelingt es, Grauen und Schrecken mit Tiefgang und glaubwürdigen Charakteren zu kombinieren. So erschafft Kealan Patrick Burke einen Roman, der sowohl Leser der stumpfen Gewalt als auch Anhänger vielschichtiger Romane zufriedenstellt.

5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 20:47 Uhr.

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