Sonntag, 23. Juni 2019

Rezension: London Macabre (Steven Savile)

Voodoo Press
Taschenbuch, 540 Seiten
ISBN: 978-3-902802-83-5
Nur gebraucht erhältlich

Ein kurzer Einblick

Nathaniel Seth ist Mitglied einer okkulten Loge. Sein Plan: Den Homunkulus befreien, mit seiner Hilfe und Blutopfern den Mittelpunkt der Erde betreten und den Dämonen ihre Freiheit im Gegenzug gegen Macht anbieten. Seth‘ Plan wird ad absurdum geführt, als die Dämonen seinen Körper zerfetzen und diesen als Portal nach London benutzen. Ein elitärer Gentleman-Club kann das Schlimmste verhindern, doch Kain, der Bruder von Abel, der schlimmste aller Dämonen ist dem Kampf entkommen. Er strebt zum Aldtor Londons, dem letzten Eingang nach Eden.

Bewertung

Eines vorweg: Der Roman strotzt nur so vor Rechtschreib-, Grammatik-, und Zeichensetzungsfehler. Hier hat definitiv kein Lektorat stattgefunden. Da eine schlechtere Bewertung hieraus dem Roman ungerecht wäre, soll die viel zu hohe Fehlerquote prominent erwähnt werden.

Steven Savile ist in seinem Wagemut eine Geschichte abseits der ausgetretenen Pfade zu schreiben, über das Ziel hinausgeschossen. Fantasy, Horror und Steampunk verwandeln das viktorianische London, das sich auf seinem Höhepunkt der Macht befindet, in ein wohlbekanntes Setting. Not und Elend herrschen in den Straßen. Blumenmädchen verkaufen ihre verwahrlosten Körper. Die Dekadenz und Prachtbauten verstecken die untere Gesellschaft jedoch hervorragend. Das Augenmerk des Autors liegt sowieso auf dem Herrenclub und den okkulten Ereignissen. Steven Savile versucht keineswegs ein akkurat realistisches London aus Gesellschaftsschichten, Politik und Zeitgeschehen zu erschaffen. Das ist auch gut so, sind die Handlungsstränge auch so zahlreich genug. Unentwegt findet ein buntes Treiben aus Entdeckungen, Geheimnissen, Intrigen, Beschwörungen, zusammenbrechende Kirchen oder einem Kampf zwischen mythischen Gestalten statt. Langweilig wird das niemals, allerhöchstens zu konstruiert. Anfänglich fällt das zu sehr gewollte Konstrukt kaum auf, gehen Kleinigkeiten schnell im Geschehen unter. Je öfter ein bitter benötigtes Ereignis jedoch zufällig kurz vor Notwendigkeit eintritt, umso auffälliger wird es. Der Autor bemüht sich, dies zu kaschieren; durch Schnelligkeit in der Handlung, durch Sprünge zwischen Charakteren, durch nur tangierende Handlungsstränge. Da der Roman auf einem relativ überschaubaren Areal stattfindet, ist die ein oder andere Zufälligkeit einer Rettung aus dem Nichts auch vollkommen ok, nur in der Häufigkeit negativ auffallend.
Glaubwürdiger sind die Charaktere gestaltet. Sowohl die Protagonisten als auch die Antagonisten. Auf jede Gruppierung einzugehen, würde an dieser Stelle definitiv den Rahmen sprengen, daher nur so viel: Jedes Wesen, Mensch oder Kreatur, ist von Ängsten, Zweifeln und Mut geplagt. Helden fallen, rappeln sich auf und kämpfen weiter. Helden fallen – und werden betrauert. Steven Savile macht keinen Unterschied, wenn es darum geht, ob Charaktere verletzt werden dürfen oder nicht. Nicht die Position der Figur auf der guten oder bösen Seite bestimmt die Verletzlichkeit, sondern die Handlung. Ein übermächtiger Gegner ist eben auch jener und besitzt keine zeitlich beschränkte Immunität um der Dramatik willen.
Nicht nur mit seinen Figuren geht der Autor schonungslos um. Savile hat sich den alttestamentarische Garten Eden als Vorbild genommen, entwickelt jedoch mutig eigene Ideen. Gott ist geflohen, hat Engel und Menschen im Stich gelassen. Er hat den Sündenpfuhl nicht mehr ertragen und die Schöpfung sich selbst überlassen. Die Gestalt des Erzengels ist pervertiert, ein verruchtes Abziehbild seiner selbst, kein strahlendes Wesen. Blasphemie und ein verdrehtes Bild biblischer Geschöpfe treffen auf Dämonen, einen Golem, der London in Schutt und Asche legt, Vampire, Okkultisten oder Mörder. In all dem Chaos, versucht jede Partei, die Macht an sich zu reißen.

Fazit

Steven Savile ist es zwar nicht gelungen, die Handlungsstränge so aufzubauen, dass diese nicht zu oft zu konstruiert wirken. Ihm ist es aber sehr wohl gelungen, eine temporeiche Geschichte zu erzählen, deren Charaktere allesamt leiden, versagen, siegen oder mit einem Pyrrhussieg davongehen. Mutig verdreht der Autor den alttestamentarischen Garten Eden in ein vermoderndes Paradies, lässt Vampire, Dämonen und andere mythische Gestalten durch London streifen. »London Macabre« hat seine Schwächen, beweist aber, dass Geschichten abseits der ausgetretenen Pfade, verdammt unterhaltsam und spannend sind.

4 von 5 Punkten

Geschrieben von um 20:31 Uhr.

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