Donnerstag, 20. Februar 2020

Rezension: Metropol (Eugen Ruge)

Rowohlt
Hardcover, 432 Seiten
ISBN:  978-3-498-00123-0
24,00 €

Ein kurzer Einblick

In Moskau 1936 ist Charlotte, eine deutsche Kommunistion, der Verfolgerung durch die Nationalsozialisten gerade noch entkommen. Sie bereist mit ihrem Mann Wilhelm und der Britin Jill die Sowjetunion. Doch das ist nicht ihre einzige Verbindung: Sie sind alle drei Mitarbeiter des Nachrichtendienstes der Komintern, bei dem Kommunisten aus allen möglichen Ländern beschäftigt sind. Doch Charlotte kennt auch einem Volksfeind, dem gerade in Moskau der Prozess gemacht wird…

Bewertung

Eugen Ruge kehrt mit „Metropol“ nach dem Erfolg von „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ zu seiner Familiengeschichte zurück und erzählt einen Teil aus dem Lebens seiner Großmutter. Dabei wird der Roman sowohl von ihr, als auch von Hilde, der Ex-Frau ihres Ehemannes, sowie dem Richter Wassili Wassiljewitsch erzählt. Der überwiegende Teil ist jedoch aus Sicht Charlottes geschrieben. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht, was den Leser die gewählte Erzählform hinterfragen lässt.
Insgesamt steht somit vor allem auch nur Charlottes Geschichte im Mittelpunkt: Charlottes Geschichte und das Hotel Metropol in Moskau. Je länger man den Roman liest, desto mehr hat man das Gefühl, es gäbe quasi nur einen Handlungsort. Auch wenn dies nicht der Fall ist, überwiegt doch die Beklemmt- und Beengtheit des Metropols. Der Roman wirkt wie ein Theaterstück, das ausschließlich in einem Raum spielt. Das führt dazu, dass der Roman doch mit fortschreitender Seitenzahl seine Längen bekommt. Das erdrückende Warten im Hotel Metropol auf die Entscheidung, die Charlottes und Wilhelms Leben entscheidend verändern wird, kann der Leser somit quasi nachempfinden. Doch diese Langatmigkeit mit recht wenig Spannungsbögen führt auch dazu, dass der Leser nach und nach weniger der Lösung entgegensehnt, sondern irgendwann nur noch möchte, dass es vorbei ist.
Ruge schafft es gut, durch die Geschehnisse von Personen, die nach und nach im Hotel Metropol leben, eine Atmosphäre der Angst aufzubauen. Er zeigt eindrücklich eine Situation auf, in der jeder gegenüber jedem misstrauisch ist und dadurch irgendwann jeder allein ist und das Gemeinschaftsfühl vollständig verloren geht. Dadurch entsteht Verrat, aber auch zu viel Loyalität. So wird im Roman plastisch aufgezeigt, wie man durch zu viel Loyalität vergisst, Dinge kritisch zu hinterfragen, selbst aktiv zu werden und sich für andere einzusetzen.
Dies alles geschieht vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse in der Sowjetunion der 1930er Jahre. Leser, die sich weniger mit der russischen Revolution, in diesem Zusammenhang bekannten Menschen sowie der Entwicklung des Kommunismus in der Sowjetunion auskennen, werden dabei doch vor einige Schwierigkeiten gestellt. In den historischen Hintergrund wird wenig eingeführt, Personen und ihre Verbindungen werden selten erklärt und auch das Glossar am Ende kann da nur wenig Abhilfe schaffen.

Fazit

Eugen Ruges „Metropol“ erzählt eindrücklich von einer Atmosphäre aus Misstrauen, Verrat und Loyalität und wozu diese Kombination Menschen treiben kann. Durch die wenigen Handlungsorte und Personen fehlt dem Roman jedoch etwas Spannung und auch die Einordnung in den historischen Kontext stellt den Leser vor einige Herausforderungen.

3 von 5 Punkten

Geschrieben von um 17:19 Uhr.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

18 − 15 =