Donnerstag, 15. November 2018

Rezension: Milestone (Kealan Patrick Burke)

Voodoo Press
Hardcover, 280 Seiten
Keine ISBN
40,00 €

Ein kurzer Einblick

Irgendwo im Westen, auf keiner Karte zu finden, liegt Milestone. Das Glück hat sich von diesem Ort abgekehrt, die Verdammten und Verlorenen werden wie ein Magnet angezogen. Einst eine blühende Bergbaugemeinde, liegt Milestone im Sterben – doch noch ist die Stadt lebendig. Lebendiger als man erahnen könnten. Sie dürstet nach verlorenen Seelen, giert nach mehr Land, verwehrt den in ihren Grenzen verweilenden Menschen die Flucht. Entweder man lebt nach Milestones Gesetzen oder stirbt.

Bewertung

»Milestone« ist auf 500 Exemplare limitiert, handnummeriert, von Kealan Patrick Burke signiert und enthält schwarzeiße Illustrationen von Greg Chapman. Das Buch besitzt keine ISBN.

Kealan Patrick Burke ist ein phantastischer Autor, der seine volle Stärke dann entfaltet, wenn er sich vollkommen entfalten kann, wenn keine Grenzen ihm Textlängen aufzwängen und er Charaktere immer weiter nuancieren kann, wenn er die Atmosphäre immer weiter aufbauen kann, wenn Charaktere und Atmosphäre gemeinsam auf ein Finale zulaufen dürfen. Mit Milestone gelingt Burke dies nur bedingt. Vier Geschichten sind enthalten, nicht unbedingt kurz, aber besitzen diese auch keine Romanlänge. Der Autor ist gezwungen auf relativ wenigen Seiten eine bedrückende Stimmung unterschwelligen Grauens zu erzeugen und gleichzeitig Figuren soweit Leben einzuhauchen, dass diese mehr sind als bloße Schablonen oder 0815-Charaktere. Das gelingt ihm, aber nicht so hervorragend wie in »Kin«. Was die Geschichten jedoch hervorhebt, ist ihre Gemeinsamkeit. Stephen King nutzt Maine als düsteren Schauplatz, Burke die fiktive Stadt Milestone. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt. Einst war der Ort eine blühende Bergbaugemeinde, nun werden die Verlorenen magisch angezogen. Das Herz des Ortes ist düster und lässt niemanden mehr fort, der einmal die Grenze überschritten hat. In Milestone gilt nur eine Regel: Respektiere die ungeschrieben Gesetze und du wirst – eventuell – leben.

Die Hexe
Diese Geschichte macht deutlich, wofür Milestone steht. Bryce Carrigan fährt Streife, als er am Stadtrand ein geschrottetes Auto auf der Straße findet. Fast sieht es aus, als ob jemand mit Vollgas gegen eine Wand gefahren wäre, allerdings ist kein Hindernis vorhanden, das diesen Schaden hätte verursachen können. Neben dem Auto schlägt eine Frau auf die Straße ein. Das Unheil manifestiert sich nicht immer als Gegner, offenbart sich nicht immer als lauernde Gefahr. Manchmal muss man die Fehler bei sich selbst suchen. Milestone lehrt Bryce eine harte Lektion. Kleine Fehltritte bleiben vielleicht ungesühnt, aber wo kein Kläger ist, geschieht dennoch Unrecht; und das Unrecht Bryce‘ wiegt schwer. Milestone mag der düstere Beobachter im Hintergrund sein, doch die Missetat geht vom Verursacher aus. Respektiere die Grenzen, respektiere die Mitmenschen oder erfahre die Folgen dafür, ein Verdammter zu sein.

Samstag Nacht bei Eddies
Diese Geschichte ist eine kürzere Version von »Seelenhandel«.

Dreißig Meilen südlich von Dry County
Diese Geschichte handelt davon, sich die Wahrheit eingestehen zu können. Der Erzähler, übrigens die ganz große Stärke der Story, sitzt jeden Morgen vor dem Schnapsladen eines Freundes. Als eines Tages Ranken den Laden durchwuchern, macht sich dieser Freund auf nach Milestone, um den Bürgermeister damit zu konfrontieren. Dieser versucht schon länger, die Gebäude aufzukaufen. Als der Freund am nächsten Tag noch immer verschwunden ist, macht der Erzähler sich auf die Suche. Freundschaft, Zusammenhalt und Erinnerungen sind eine tolle Sache. Vielleicht sollte man nur nicht zu lange darin schwelgen, sein Leben weiterleben, der Wahrheit ins Auge blicken. Nicht Milestone will die Grenzen ausdehnen, um das Land der Verderbten zu vergrößern, die Verderbten sind es, die die Grenzen erweitern, ohne es wahrhaben zu wollen.

Das Palaver
Oscar Dennihy ist Friseur. Sein Laden hat kaum noch Kundschaft, doch kann er sich nicht dazu durchringen, diesen aufzugeben. Verlustängste, die Angst im Alter nichts zu tun zu haben? Eines Tages betritt ein Fremder den Laden und erzählt ihm die wahre Geschichte darüber, warum er den Job nicht aufgibt. Zugetragen hat sich die Geschichte in Milestone … Es ist die erste Story Burkes, die sich auf den Horror besinnt, das unterschwellige Grauen beiseiteschiebt, und härtere Seiten erklingen lässt. Härter darf auf keinen Fall blutiger oder gewalttätiger heißen, aber sichtbarer in der Ausformung. Ein bisschen trashig, aber unterhaltsam, bringen die Menschen sich selbst um. Verleumde einen Fremden (Pfui, der ist ja schwul!) und du wirst deine Strafe erhalten.

Fazit

Vier abwechslungsreiche Geschichten vereinen sich in »Milestone«. Alle drehen sich um den Sündenpfuhl, den Ort, der die Sünder, Verderbten und Verlorenen anzieht. Die Charaktere und die Atmosphäre sind es, die die Stories hervorheben. Kealan Patrick Burke besinnt sich auf den feinen Horror, ohne oldschool zu sein.

3.5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 20:31 Uhr.

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