Freitag, 04. November 2016

Rezension: Mirador 1. Bluescreen (Dan Wells)

Piper
Taschenbuch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-492-28021-1
12,99 €

Ein kurzer Einblick

Die Cherry Dogs sind der aufsteigende Stern am Overworld-Himmel. Doch Marisa, Sahara, Anja, Jaya und Fang genießen ihr unbeschwertes Teenagerleben nicht nur in der VR-Welt in vollen Zügen. Schließlich kann man 2050 alles tun und lassen, was man will, da sie alle mithilfe des Djinnis, einem Implantat direkt im Kopf, weltweit vernetzt und 24 Stunden online sind. Doch als die neue virtuelle Droge Bluescreen in Umlauf kommt und Anja sich nach dem Konsum nicht mehr normal verhält, ist der Spaß schnell vorbei und die Mädchen merken, dass ihr geliebtes Netz Gefahren birgt, die allen Menschen gefährlich werden können. Ob es ihnen gelingt, die Gefahr rechtzeitig zu stoppen?

Bewertung

Stell dir einmal vor, du brauchst kein Handy mehr einzustecken, wenn du das Haus verlässt. Mit dem Djinni im Kopf kannst du alles immer sofort und überall mit deinen Gedanken erledigen. Man braucht auch nicht mehr selber sauber zu machen oder die Sachen waschen und zusammenzulegen. Das erledigen alles die für dich arbeitenden Roboter – Nulis genannt. Wenn du an einem Geschäft vorbeigehst, zeigen dir die Monitore genau auf dich zugeschnittene Artikel nach deinen Vorlieben und dein Auto brauchst du auch nicht mehr selbst steuern. Ist das nicht ein toller Gedanke? Was für ein bequemes Leben muss das sein…
Dan Wells hat uns dieses Mal genau in solch eine nahe Zukunft geschickt mit einer Aussicht, die auf den ersten Blick faszinierend, aber auf den zweiten Blick durchaus erschreckend ist. Schon heute gibt es spezielle Brillen, mit denen man Informationen direkt ins Sichtfeld eingeblendet bekommt, bei Wells werden sie direkt auf die Hornhaut gesendet. Überall wird deine ID gescannt und personalisierte Werbung verschickt. Der gläserne Mensch lässt grüßen! Wells hat seine Welt dabei sehr authentisch dargestellt und die jungen Menschen, allen voran die Protagonistin Marisa Carneseca, in ein sehr lebendiges soziales Umfeld geschrieben.
Der Roman startet auch direkt mit der Lieblingsbeschäftigung der Mädchen, dem Onlinespiel Overworld. Als Gruppe Cherry Dogs versuchen sie, sich an die Spitze der Weltrangliste zu kämpfen, und man wird mit Gaming-Begriffen geradezu bombardiert. Das hat aber den Vorteil, dass man sich schnell in die Lebensweise von Marisa und ihren Freunden einfühlen kann. Charakterlich mögen sie vielleicht zunächst oberflächlich wirken, doch viele Tatsachen sprechen dafür, dass sie sehr weltoffen und vorurteilsfrei sind. So lebt deren Freund Bao ohne Djinni offline, Anja hat deutsche Wurzeln, während Marisa selbst mexikanische hat. Das merkt man vor allem immer dann, wenn sie mit spanischen Wörtern und Sätzen um sich wirft. Dass diese nicht näher übersetzt werden, mag manchem Leser vielleicht sauer aufstoßen, aber ich finde, dass man sich die Bedeutung vom Kontext her immer denken kann. Toll umgesetzt finde ich wiedermal auch den Facettenreichtum von Wells. Es gibt in seinen Büchern einfach kein schwarz-weiß-Denken und Marisa und Co. sind nicht die unschuldigen Mädchen, die eine Gefahr erkennen und sie dann heldenhaft bekämpfen. Vielmehr haben sie schon einige illegale Dinge gemacht und können sich in alles Mögliche hacken, ohne dabei Gewissensbisse zu haben. Daher gibt es dieses Mal nicht wirklich den einen Sympathieträger, sondern der Roman wird von der Geschichte an sich getragen.
Wie in Wells’ bisherigen Romanen ist der Lesefluss durchgängig überaus flüssig, dieses Mal jedoch geradezu halsbrecherisch schnell. Das spiegelt hervorragend die Schnelllebigkeit dieser hoch technisierten Welt wider. Ich kann nicht behaupten, dass ich alle technischen Fachbegriffe verstanden hätte, doch aufgrund des vorgelegten Tempos hatte ich gar keine Zeit, dies während des Lesens zu bedauern, denn ich wurde einfach immer weiter getragen. Das empfand ich zwar als sehr positiv, doch an manchen Stellen ging es mir wiederum zu schnell. Die Handlung wechselte abrupt und ich hatte das Gefühl, irgendwas überlesen zu haben. Das beschränkt sich zum Glück aber auf lediglich zwei/drei Stellen.

Fazit

Dan Wells hat mit seinem neuen Roman eine gelungene Vorstellung unserer technisierten Zukunft geschaffen, in der einem wirklich alle Möglichkeiten offenstehen, solange man das nötige Knowhow dazu hat. Aber wollen wir wirklich in solch einer Welt leben? Schließen möchte ich meine Rezension mit einem Zitat von Marisa, das die gesamte Problematik hervorragend zusammenfasst und jeden zum Nachdenken anregen sollte:

„Die Regierung ist korrupt, die Cops sind gekauft, und die Großkonzerne, die die Welt beherrschen, betrachten uns als wandelnde Bankkonten. Jetzt sorgt Bluescreen dafür, dass wir nicht einmal mehr unseren Freunden trauen können. Es gibt keine Sicherheit, keine Privatsphäre, nichts Verlässliches mehr.“ (Seite 198)

4.5 von 5 Punkten

Wir danken Piper für das bereitgestellte Rezensionsexemplar.

Geschrieben von um 18:53 Uhr.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

1 × 4 =