Sonntag, 26. Juli 2020

Rezension: MonstroCity (Jeffrey Thomas)

Festa Verlag
Taschenbuch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-865520-11-1
9,90 €

Ein kurzer Einblick

Punktown ist der Sündenpfuhl unzähliger Generationen, ein Moloch, der Städte verschlang. Es ist ein Ort voller Gespenster aus allen Zeiten und Welten. Genetisch erzeugte Gehirne treiben die Server von Großkonzernen an, Subkulturen aller Spezies des Universums tummeln sich in den Adern der Stadt. Tief unten, in den vergessenen U-Bahntunneln der Stadt schlummert ein uralter Gott, dessen Schlummer gestört wird, als Gabrielle, die Freundin Christopher Rubys, eine Beschwörung aus dem Necronomicon vorliest.

Bewertung

Jeffrey Thomas Punktown ist das Gegenstück zu China Miévilles New Crobuzon, die Megalopolis, die der Autor mit einer umfassenden Geschichtensammlung ausgebaut hat. Punktown ist das Synonym für Paxton, einer Stadt, die menschliche Siedler auf dem Planeten Oasis gründeten, zu einem Moloch ausbauten und einheimische Städte verschluckten. Menschen, die Ureinwohner und unterschiedlichste Rassen aus dem Universum bevölkern den Moloch, dessen Identität von Kulturen, Religionen, Hightech und Verfall geprägt ist. Das Bewusstsein der Stadt geht auf im Individuum, dessen Ich sich selbst der Nächste ist. Das Überleben des Einzelnen, das Leben in einer Blase prägt das Stadtbild, da ist es auch kein Wunder, dass der Protagonist Christopher Ruby kaum Details und Informationen über die Spezies oder die Stadtgeschichte preisgibt, bis sein Interesse für die alten Götter durch den Tod seiner Freundin geweckt wird.

Jeffrey Thomas Stil ist spontan, wunderbar prägnant, aber auch dynamisch, bildgewaltig, mit einem Sinn für Ästhetik versehen und bildgewaltig. Die Actionszenen sind rasant, die Ruhepunkte ausgearbeitet, die Ideen vielfältig, konsequent durchdacht und komplex. Trotz des vokabularreichen Stils ist es ein Genuss, der Geschichte zu folgen, die einen ganz eigenen Elan entwickelt. Der Autor hat ein wahnsinnig gutes Gespür, wann er sich Zeit für eine Idee nehmen muss, wie Gefühle und glaubwürdiges Verhalten von Figuren funktioniert. Überwiegend ist der Roman ruhig erzählt, traut sich, deftige Worte in den Mund zu nehmen, und geizt nicht mit blutigen Details, wenn es angebracht ist. Auch dabei hat der Autor ein hervorragendes Verständnis, wie mit Worten umzugehen ist, dass diese ihre maximale Wirkung entfalten können. Punktown ist kein Spiegel der Städte der Erde, sondern hat einen eigenen Verhaltenskodex geprägt, der abseits unserer moralischen Vorstellungen liegen kann und damit Wesenszüge der Stadt prägt. Jeffrey Thomas verzichtet auf Vergleiche, sondern inszeniert. Er ist der Regisseur, der eine Vision verfolgt, kreiert und letztendlich mit Erfolg erschafft.

Christopher Ruby ist ein Angestellter mit gewöhnlichem Privatleben. Als Seine Freundin Gabrielle sich dem Okkulten zuwendet und unbedarft eine Beschwörung aus dem Necronomicon vorliest, wird Ruby dazu gezwungen, tief in die Eingeweide der Stadt vorzudringen. Er wird zum Kämpfer gegen das Böse. Doch bevor er gegen die Diener der Großen Alten antritt, begegnet er dem Buchhändler Mr. Dove. Dieser und Gabrielle liefern ihm die Informationen, um den Sekten, die heimlich in Punktown agieren, näher zu kommen. Mit Ideen von H.P. Lovecraft und den düsteren Science-Fiction-Elementen, die Punktown gedeihen lassen und gleichzeitig in einen Moloch verwandeln, hebt sich »MonstroCity« wohltuend von den unzähligen Geschichten aus dem Lovecraft-Universum ab und bietet zugleich ein äußerst faszinierendes, unverbrauchtes Setting. Umso mehr sich Ruby in die Faszination des Okkulten vertieft, umso mehr wird ihm bewusst, dass die Adern der Stadt zerfressen sind, dass die zunehmenden Leichen rituell bedingt sind und er der Einzige ist, der sich der Vernichtung der Stadt in den Weg stellen kann. Es ist ein langsamer Prozess, der Ruby auf seinem Weg voranbringt, doch mit seinem Wissen und seinem zunehmenden Verständnis für Religionen, wächst er in seine Aufgabe hinein und wird nicht durch die Handlung geschleift, als sei er eine Marionette.

Fazit

Punktown ist ein Moloch, den Jeffrey Thomas mit Worten und Ideen zum Leben erweckt. Sein Gespür für Handlungsgeschwindigkeit, Informationsvermittlung und Charakterentwicklung ist einzigartig, sein Stil blumig, düster, faszinierend. Die Verquickung von Cyberpunk und lovecraftschen Ideen harmoniert und fügt sich in das Gesamtbild Punktowns ein. Jeffrey Thomas ist ein begnadeter Autor, der sein Handwerk wie kaum ein anderer versteht.

5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 19:31 Uhr.

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