Sonntag, 04. November 2018

Rezension: Oliver Twist (Charles Dickens)

Anaconda
Hardcover, 416 Seiten
ISBN: 978-3-86647-773-5
4,95 €

Ein kurzer Einblick

Oliver Twist wächst als Findelkind in einem Armenhaus in einer englischen Kleinstadt auf. Als er bei seiner Lehre brutal behandelt wird, flüchtet er sich nach London. Dort gerät er schnell in die Fänge des Verbrechers Fagin, der ein merkwürdiges Interesse daran zu haben scheint, Oliver in die Welt des Untergrunds hineinzuziehen. Doch der Zufall meint es auch glücklich mit Oliver…

Bewertung

Der englische Klassiker Oliver Twist ist keine typische Charakterstudie Oliver Twists, die man bei dem Titel vermuten könnte. Zwar steht Oliver im Zentrum der Erzählung, doch Charles Dickens lässt den Blick auch vielfach auf die Personen und die Verhältnisse in Olivers Umgebung und die Handlungen der anderen Personen schweifen. Dadurch wird ein differenziertes Bild verschiedener Milieus des 19. Jahrhunderts gezeichnet.
Oliver selbst ist solch eine freundliche und gutmütige Figur, dass der Leser ihn schnell lieb gewinnt und leidet, wenn er liest, wie viel Elend Oliver wiederfährt. Dabei leidet man als Leser fast mehr, als Oliver selbst, der vieles seines schrecklichen Schicksals einfach hinnimmt, weil er es nicht anders kennt. Der kritische Leser fragt sich jedoch, wie ein Kind, dass in solchen Verhältnissen aufwächst, sich so freundlich und wohlerzogen entwickeln konnte. Hier scheint die Hauptfigur nicht ganz realistisch durchdacht. Oliver wirkt auf der einen Seite viel erwachsener als er bei seinem Alter sein sollte, auf der anderen Seite erkennt er vielfach die großen Zusammenhänge nicht und braucht daher Menschen, die sich für ihn einsetzen. Diese findet er auch scheinbar zufällig, sodass er durchaus auch glückliche Wendungen erlebt. Wenn man etwas an diesem Roman kritisieren kann, dann leider tatsächlich das. Die Art und Weise, wie elende Lagen Olivers aufgelöst werden oder welche Verstrickungen zwischen Personen existieren, ist doch in vielen Fällen zu viel des Glücks, als dass es noch realistisch wirkt.
Abgesehen davon ist die Geschichte um Oliver Twist aber auch sehr gute Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts. Der Gegensatz zwischen Armut und Reichtum wird eindrücklich aufgezeigt. So wird plastisch dargestellt, unter welchen elenden Bedingungen die armen Menschen leben mussten und wie schwierig es war, sich dem Verbrechermilieu abzuwenden, wenn man einmal in dieses hinabgerutscht war. Dickens zeigt die Mitglieder der Diebesbande durchaus differenziert auf. Zugleich wird deutlich dargestellt, wie Kinder bereits von jungen Jahren an unter elender Behandlung und harter Arbeit leiden mussten. Auch das London dieser Tage wird von Dickens plastisch wiedergegeben, sodass sich der Leser gar so fühlen kann, als wandere er im 19. Jahrhundert. Dickens gelingt es mit seinem mit Komik gespickten Schreibstil, dass der Leser nur so über die Geschichte fliegen kann.

Fazit

Charles Dickens „Oliver Twist“ ist eine sprachlich gelungene Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse des 19. Jahrhundert. Eine liebenswürdige Hauptfigur, die unter schrecklichen Bedingungen leiden muss, berührt schnell das Herz des Leser. Doch leider ist die Figur an sich und auch einige Aspekte der Handlung wenig realistisch erzählt.

4 von 5 Punkten

Geschrieben von um 11:38 Uhr.

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