Sonntag, 09. Juni 2019

Rezension: Paradiese der Sonne (J. G. Ballard)

Edition Phantasia
Paperback, 224 Seiten
ISBN: 978-3-937897-28-8
14,90 €

Ein kurzer Einblick

Sonneneruptionen haben das Antlitz der Erde für immer verändert. Nur an den Polkappen ist das Leben noch einigermaßen erträglich. Ein Expeditionsteam, das die neuen Küstenlinien kartografieren soll, wird nach Europa geschickt. Die Sumpflandschaft und die urzeitliche Vegetation heißen die Wissenschaftler und das Militär heiß und extrem schwül willkommen. Lethargie und Alpträume überkommt das Team. Das neue Klima weckt etwas in den Menschen auf. Etwas, dass lange verborgen war. Eine Sehnsucht, die aus einem Ursprung entkommt, der seit Jahrtausenden vergangen ist.

Bewertung

»Paradiese der Sonne« ist ein Erlebnissroman in der Endzeit. Man könnte in dem 1962 publizierten Roman Kritik am Klimawandel suchen, Evolutionstheorien zugrunde legen oder die Vergänglichkeit des Menschen erörtern. Gerecht wird das dem Roman aber nicht. Die drastische Klimaveränderung ist nicht menschengemacht. Riesige Protuberanzen der Sonne haben die Ionosphäre der Erde zerstört. Polkappen schmelzen, Flüsse überfluten in reißenden Sturzfluten Ländereien. Ganze Städte versinken in Wasser und Schlamm. In nur wenigen Jahren sind die Temperaturen am Äquator auf 80 Grad Celsius gestiegen, Monsunregen breiten sich aus und die Hitze rückt mit jedem Tag den Polkappen ein Stück näher.
Flora und Fauna haben sich den Gegebenheiten angepasst. Viele Tierarten sind verendet, andere wie Krokodile, Leguane und Mücken gedeihen und wachsen zu riesigen Viechern heran. Der Dschungel breitet sich explosionsartig aus und bedeckt die Ruinenstädte unter Farnen und Blätterdächern. Zumindest dort wo keine kochenden Wassermassen den Erdball bedecken. Die menschlichen Überlebenden haben sich in die Polarregionen geflüchtet, leiden unter Nahrungs- und Wassermangel.

Eine militärisch-wissenschaftliche Expedition ist in die Region Europa, genauer London aufgebrochen, um die neuen Küstenlinien zu kartografieren. Zumindest soweit das überhaupt möglich ist, denn eine Orientierung anhand alter Karten ist kaum mehr möglich. Lagunen und riesige Wasserflächen prägen das Landschaftsbild. Die Expeditionsteilnehmer haben unter der Hitze zu leiden. Alpträume nehmen zu. Die Träume wecken längst vergessene Erinnerungen, archaische Urinstinkte. Manifestiert sich die Sehnsucht nach einer Auferstehung des Paläozoikums anfangs nur in den Träumen, verändert sich schon bald das Verhalten und auch das Denken wird beeinflusst.
Als das Team nach Grönland zurückbeordert wird, weigern sich drei Mitglieder und bleiben in der Lagune zurück.

Der Roman ist weniger Science Fiction als Surrealismus. Ruhig, detailreich und fiebrig heiß entwickelt sich die Geschichte und der Schreibstil fort. Action wäre in der lethargischen Welt aus fauligem Wasser, erstickender Luftfeuchtigkeit und sengender Sonne auch fehl am Platz gewesen. Die Natur wird in ihrer einfachen Art erschreckend real, die Tierwelt wird zur allgegenwärtigen Gefahr. Der immer mehr in den Vordergrund rückende Wunsch, ins Paläozoikum zurückzukehren, entwickelt sich aus einem Alptraum zur Sehnsucht. J. G. Ballard vermittelt aus Beschreibungen und dem Handeln der Charaktere einen schleichenden Verfall des menschlichen Geistes, der nicht wörtlich beschrieben werden muss. Vielmehr sind es die immer währenden, aber kaum langweilig werdenden Passagen, in denen die Charaktere die Ruhe und Abgeschiedenheit in einem Maß genießen, das die Verbundenheit mit der Natur deutlich macht.

Fazit

»Paradiese der Sonne« lässt sich schwer kategorisieren und noch schwieriger fair beurteilen. J G. Ballard hat einen Roman geschrieben, den man vom Stil und Inhalt mögen muss. Wer Landschaftsbeschreibungen mag, Schilderungen über verrottende Ruinen liebt, und dem langsamen Alltagstrott der Charaktere etwas abgewinnen kann, darf der Sehnsucht nach dem Paläozoikum gerne nachgeben. Der Roman ist ein Sog, aber ein sehr spezieller.

3.5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 20:39 Uhr.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

3 × 5 =