Samstag, 03. November 2018

Rezension: Stadt der Fremden (China Miéville)

Bastei Entertainment
eBook, 430 Seiten
ISBN: 978-3-8387-1581-0
8,99 €

Ein kurzer Einblick

Ein Schutzschild schützt Botschaftsstadt auf dem Planeten Arieka vor der giftigen Atmosphäre. Die Technologie stammt von den Gastgebern. Es ist ein empfindliches Gleichgewicht, das zwischen den Menschen und den Ariekei herrscht. Sprache ist derart kompliziert, dass nur die Botschafter in der Lage sind, Kontakt zu den Gastgebern aufzunehmen. Als ein neuer Botschafter sein Amt aufnimmt, wirkt seine Stimme wie eine Droge auf die Gastgeber. Eine Katastrophe, denn das Überleben der Menschen ist von den Gastgebern abhängig. Von Süchtigen abhängig zu sein, ist ein politisches Dilemma.

Bewertung

Auf dem fernen Planeten Arieka, am Rande des von Menschen besiedelten Universums, liegt Botschafterstadt. Es ist eine Enklave inmitten von Gastgeberstadt. Von den Gastgebern stammt das Schutzschild, dass Botschafterstadt umhüllt und vor der tödlichen Luft der Gastgeber schützt. Die Gastgeber sind eine freundlich gesinnte Spezies, die Sprache sprechen. Sprache wird von zwei Mündern gleichzeitig gesprochen. Eine Stimme ist die Drehungsstimme, die andere die Schnittstimme. Eine Kommunikation zwischen Mensch und Gastgeber war anfangs unmöglich. Egal wie gut die Menschen die Sprache der Gastgeber lernten, konnten die Menschen doch nur Laute von sich geben. Es sind zwingend zwei Münder notwendig. Und ein Wesen, das Sprache mit einer Absicht ausspricht. Sprache ist mehr als nur der Laut. Sprache kann nicht lügen. Sprache ist nur zur vollkommenen Wahrheit fähig; die Wirklichkeit wird gesprochen. Gibt es etwas, das in Sprache ausgedrückt werden muss, nicht, muss es erst in der Realität erschaffen werden. Eine Vision ist nicht wahr, also existiert diese in Sprache nicht. Um die Kommunikation mit den Gastgebern aufzunehmen, entwickelten die Menschen die Botschafter; zwei aneinandergekoppelte Menschen, die geistig ein Individuum sind. Nur ihnen ist es möglich, Botschaften zwischen den Völkern auszutauschen.

Das ist eine spannende Ausgangslange für einen politischen-soziologischen Roman mit viel Konfliktpotential und Verständigungsproblemen. Es ist die beste Grundlage, für ein komplexes Handlungskonstrukt aus politischen und wirtschaftlichen Interessen, aber auch für Beziehungen zwischen den Charakteren. Natürlich sind dies auch wichtige Themen, die China Miéville behandelt, aber stiefmütterlich. Vielmehr legt er den Fokus auf das Verständnis von Sprache und Weltraumtheorien. Vieles wirft der Autor einfach ungeklärt in den Raum. Der Leser muss sich seinen eigenen Reim darauf machen und hat keine Ahnung, ob die Vorstellung dessen, was Miéville versucht, literarisch zu erarbeiten, richtig ist. Es ist gut, dass der Leser gezwungen wird nachzudenken, aber alleinegelassen zu werden, ist unfair. Einiges wird später dankenswerterweise andeutungsweise erklärt. Etwas mehr Zugänglichkeit wäre aber erfreulich gewesen. Die Ausführungen zu Sprache sind lang und trocken. Wiederkäuend bereitet Miéville das gleiche Thema immer wieder auf. Mal mit neuen Erkenntnissen. Mal aus anderen Blickwinkeln betrachtet. Mal mit neuen Nuancen versehen. Das ist interessant, wenn man sich für das Funktionieren von Sprache interessiert, keine Frage, aber extrem trocken aufbereitet. Hinzu kommen Konzepte der Raumfahrt, die Funktion von Zeit im Weltraum und Kunstbegriffe. Was von den fremden Wörtern, sind Fachwörter, welche hat der Autor erfunden und welche sind einem anderen Kontext entlehnt und auf eine neue Idee angewendet? Es ist schwierig, Wissenschaft von Fiktion zu unterscheiden. Vielleicht hat Miéville genau das bezwecken wollen, hat darüber aber eine spannende Handlung vergessen. Zwar gelingt es ihm so hervorragend die Unzulänglichkeit, die Grenzen von Sprache aufzuzeigen, aber ungewöhnliche Ideen und Konzepte machen allein keinen lesenswerten Roman.

Als die Botschafter EzRa in Botschafterstadt ankommen und Sprache sprechen, wirkt ihre Stimme wie eine Droge auf die Gastgeber. Sie sind süchtig und der Entzug treibt sie zu Vandalismus und Mord. Aufstände, Revolution und Evolution … Viel zu spät, kurz vor Ende, schaltet der Autor in den Unterhaltungsgang und zeigt auf, was Sprache bewirken kann und wie sich Verständnis zu Sprache verändern kann. Hier endlich gelingt es China Miéville, ein wissenschaftliches Thema unterhaltsam aufzubereiten.

Fazit

China Miévilles Romane sind nie einfach zu lesen. Immer verarbeitet der Autor mehrere Themen in einem komplexen Handlungsgerüst. Ein anderes Mal konzentriert er such auf die Entlehnung einer Thematik auf einen anderen Bereich. In »Stadt der Fremden« macht er nichts anderes, allerdings verendet die Handlung in öden Beschreibungen von Sprache. Eine lebendige Handlung mit interessanten Charakteren vergisst Miéville darüber fast vollkommen.

2.5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 20:43 Uhr.

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