Dienstag, 11. Dezember 2018

Rezension: Sturm über Windhaven (George R. R. Martin, Lisa Tuttle)

Penhaligon
Paperback, 448 Seiten
ISBN: 978-3-7645-3187-4
15,00 €

eBook, 11,99 €
ISBN: 978-3-641-21890-4

Ein kurzer Einblick

Windhaven ist eine von gewaltigen Stürmen geplagte Wasserwelt. Die Menschen leben verstreut auf kleinen Inseln. Längere Schifffahrten sind tödliche Risiken. Nur die Gilde der Flieger, eine abgeschottete Elite, dient den Inseln zur Kommunikation untereinander. Maris von Klein Amberly träumt vom Fliegen. Doch sie ist eine Landgebundene. Um ihren Traum wahr werden zu lassen, ist sie bereit, alte Strukturen in Frage zu stellen …

Bewertung

»Sturm über Windhaven« wurde 1982 für den Locus Award nominiert.

»Sturm über Windhaven« schrieb George R. R. Martin mit der hierzulande unbekannten Lisa Tuttle. Wer sich schreib- und ideentechnisch wie integriert hat, ist mir leider unbekannt. Auf jeden Fall aber, liest sich der Roman flüssig weg, versteht es, Charaktere aufzubauen und eine Welt zum Leben zu erwecken. Dabei ist Windhaven keine epische Fantasywelt, sondern eine von Stürmen geplagte Inselwelt, auf der jede Schifffahrt zum tödlichen Risiko wird. Die Qualitäten liegen woanders, wobei die beiden Autoren keineswegs vergessen, eine plastische und glaubwürdige Welt zu etablieren. Gleichzeitig trägt die Welt auch zu den eigentlichen Qualitäten bei. Die Gesellschaftsstruktur hätte sich gänzlich anders entwickelt, gäbe es eine zusammenhängende Landmasse. Konflikte aller Art sind das Highlight des Romans. Zwischenmenschliche Konflikte, gesellschaftliche Diskrepanzen, persönliche Wünsche und Hoffnungen, die mit anerkannten Regeln frontal laufen …

Die Menschen leben verstreut auf den Inseln Windhavens. Vor Jahrzehnten sind ihre Vorfahren mit einem Raumschiff auf dem Planeten gestrandet und die Nachkommen haben eine neue Kultur entwickelt. In der Not frisst der Teufel nicht nur Fliegen, sondern lässt die Menschen fliegen. Mit eisernen Konstrukten schwingen sich die Flieger in die Lüfte und dienen den Landgebundenen als Botschafter. Stirbt ein Flieger oder kann ein Flieger die Strapazen nicht mehr meistern, werden die Flügel weitervererbt. So ist sichergestellt, dass die Flieger unter sich bleiben, eine eingeschworene Kaste bilden. Die Landgebundenen haben keine Chance, den Status eines Fliegers zu erringen. Stolz und oft etwas eingebildet schauen die Flieger auf die Landbewohner herab. Sie sind frei und nicht an die Erde einer steinigen Insel gebunden.

Maris von Klein Amberly ist eine Landgebundene. Ihr Traum: das Fliegen. Sie stellt eingerostete Konventionen und Regeln in Frage. Sie ist es, die das Gefüge ins Wanken bringt, die Klassengesellschaft vernichtet. Maris rettet nicht die Welt, sie rettet die Menschen und versucht das Zusammenleben aller zu verbessen. Natürlich stößt sie auf Widerstand, aber auch auf Zuspruch. Eigentlich hat sie nur gegen das System rebelliert, um zum Flieger zu werden. Unweigerlich hat sie sich die Bürde einer Heldin aufgebunden, der gewisse Pflichten und Erwartungen aufgedrängt werden, die sie gar nicht wollte.
Das Individuum ist so wichtig wie die Gruppe. Ohne Freunde und Unterstützung hätte Maris nichts erreicht. Doch die strahlende Heldin, die alles zum Besseren gewendet hat, ist sie auch nicht. Schwarzweiß gibt es auf beiden Seiten, Fliegern und Landgebunden, bei Entscheidungen und bei Veränderungen. Es gibt keine Änderung, ohne neue Probleme, manchmal lösen sie gar gewaltige Umwälzungen aus. Sie als Einzelperson hat Großartiges bewirkt, doch alle müssen an der neuen Zukunft und einer neuen Gesellschaft mitarbeiten, damit kein Chaos ausbricht.

Vom eigenen störrischen Willen, der Zwist und Zwietracht erzeugte, aber auch viele strahlende Gesichter unter den Landgebundenen, ist es ein weiter Weg, bis sich die neuen Strukturen etabliert haben. Es ist ein Prozess, der sich in drei Altersstufen entwickelt. Maris, als landgebundenes Mädchen, das vom Fliegen träumt und Konventionen bricht. Maris, als junge Frau, die zwischen den Fronten derjenigen sitzt, die alte Traditionen bewahren wollen, und jenen, die die Veränderungen begrüßen. Maris, als alte Frau, die nun selbst auf Traditionen pocht. George R. R. Martin und Lisa Tuttle beleuchten die Thematiken von allen Seiten und Blickwinkeln. Nicht alles, was Gold ist, glänzt. Doch ist das Nichtglänzende gleich schlecht? Entscheidungen, Meinungen, allgemeine Akzeptanz, jahrelange Veränderungen … Vieles trägt dazu bei, die Welt zu verbessern; doch nicht für jeden. Es kommt immer auf den Blickwinkel an.

Fazit

Wo Trudi Canavan lieber bei Oberflächlichkeiten verweilt und eine kurzweilige Story aufbaut, trauen sich George R. R. Martin und Lisa Tuttle weiter. Die Geschichte ist nicht nur kurzweilig erzählt, sondern beleuchtet die Thematik einer gesellschaftlichen Veränderung grundlegend aus allen möglichen Winkeln und lässt dabei auch nicht verschiedene Sichtweisen außen vor. Das Gute ist gut gemeint, aber nicht immer die beste Wahl. »Sturm über Windhaven« hingegen ist eine exzellente Wahl.

4 von 5 Punkten

Geschrieben von um 19:21 Uhr.

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