Sonntag, 03. Mai 2020

Rezension: The Man in the High Castle. Das Orakel vom Berge (Philip K. Dick)

Fischer Verlage
Taschenbuch, 270 Seiten
ISBN: 978-3-596-29841-9
10,99 €

eBook, 9,99 €
ISBN: 978-3-10-490411-5

Ein kurzer Einblick

Amerika 1962: Die Achsenmächte haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Das Deutsche Reich unter der Führung von Martin Bormann, Adolf Hitler vegetiert mit Syphilis befallen dahin, regiert den Osten. Japan herrscht über die Westküste. Nur in den Rocky Mountains existiert eine neutrale Zone.

Was, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? Philip K. Dick entfesselt ein alternatives Geschichtsszenario.

Bewertung

Zum Roman ist bei Amazon Prime Video die gleichnamige Serie adaptiert worden. Für den Roman erhielt Philip K. Dick 1963 den Hugo Award.

»The Man in the High Castle« ist einer der bekanntesten »Was wäre, wenn …?« Science-Fiction-Alternativweltromane. Trotz oder gerade wegen seiner verhaltenen Länge ist der Roman unfassbar vielschichtig und Komplex. Dabei besitzt die Dystopie keine geradlinige Handlung, sondern definiert sich durch mehrere Handlungsstränge, die sich teilweise nicht einmal begegnen, sich im Idealfall allerhöchstens gegenseitig bedingen. Auch die Protagonisten sind kaum als solche zu identifizieren, sondern besser als handlungstragende Charaktere zu bezeichnen. Ebenso darf man vergeblich einen klaren Ausgangspunkt zum Handlungsauftakt suchen. Alle Figuren sind fest in ihrem Alltag verankert. Philip K. Dick steigt mittendrin ein, begleitet die Figuren eine Weile auf ihrer Reise durch ein von Japan und dem Deutschen Reich regiertes Amerika, bevor der Roman leicht ratlos mit offenen Fragen endet.

Während Robert Childan erkennt, dass viele der zeitgenössischen Antiquitäten, die die Japaner so lieben, Fälschungen sind und der Wert allein der Historizität entspringt, aber kaum verifizierbar ist, reist Juliana Frink mit dem Italiener Joe Cindella zum Autoren Abendsen, der das im Deutschen Reich verbotene »Heuschreckenbuch« schrieb. Ebenso wie Cindella ist auch Rudolf Wegener unter seinem Tarnnamen Richard Baynes ein Agent in geheimer Mission unterwegs. Frank Frink, der Jude ist, hat sich umfassender chirurgischer Maßnahmen unterzogen, um nicht erkannt zu werden. Nebenbei erfährt man, dass viele Juden in hohen Rängen der Nazis unentdeckt arbeiten. Mr. Tagomie, der die japanische Ehre und Diplomatie wahrt, ist ein wichtiges Bindeglied der Handlungsstränge. Mittelpunkt der Handlung jedoch ist Abendsen, soweit man das wiederkehrende Element des Buches, dass eine Parallelwelt, in der nicht die Achsenmächte, sondern die Alliierten den Krieg gewonnen haben, als Mittelpunkt bezeichnen darf. Der »Heuschrecken«-Roman entwirft nicht nur eine fiktive Wirklichkeit, sondern stellt diese realistischer als die Realität dar.

Kein Wunder, dass dies zum Gesprächsstoff und zu Diskussionen bei den Charakteren beiträgt, um nicht nur die eigene Welt zu reflektieren, sondern auch das Gedankengut, die Weltanschauung in alternativen Möglichkeiten zu überdenken. Im Nordamerika der 1960er Jahre hat das Deutsche Reich den Osten Amerikas erobert, die Japaner regieren den Westen. Während die Japaner Kultur übernehmen und sich aneignen, aber selbst nichts erfinden, sind die Deutschen in ihrem Erfindungsreichtum unaufhaltsam. Flugzeuge, die in 45 Minuten von Stockholm nach San Francisco fliegen, die ersten Raumflüge zum Mars starten und Plastik zur Produktion verwenden, sind erst der Anfang einer herrschsüchtigen und übermächtigen Nation. Der geschichtliche Werdegang, wie es zum Sieg der Achsenmächte kam, wird nebenbei abgehandelt. Im Fokus stehen die Figuren, die aus unterschiedlicher ethnischer Herkunft und sozialer Klassen stammen. Werte der Menschlichkeit, persönliche Konflikte und Interessen, das Bestreben zu einem besseren Leben, Niederlagen und Neuanfänge, treiben die Figuren an. Es ist das Leben im Kleinen, die Verwirklichung und der Verrat des Selbst, nicht der politische Teil, der selbstredend einen wichtigen Bestandteil ausmacht, der im Interesse des Autors liegt.

ACHTUNG SPOILER: Zuletzt stellt sich die Frage nach der realen Existenz von Parallelwelten.

Fazit

Philip K. Dicks »The Man in the High Castle« entfesselt eine Spekulation über ein alternatives Geschichtsszenario, das deutlich mehr ist, als ein »Was wäre, wenn … ?«. In seiner authentischen Komplexität entwirft der Autor eine Welt, die befremdlicher, aber auch glaubwürdiger, nicht sein könnte. Dabei belässt er es jedoch nicht, sondern widmet sich der Frage nach möglichen alternativen Realitäten, die seine Figuren hinterfragen.

5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 19:21 Uhr.

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