Dienstag, 17. Oktober 2017

Rezension: The Scar 2. Leviathan (China Miéville)

Bastei Lübbe
Taschenbuch, 477 Seiten
ISBN: 978-3-4042-4322-8
8,90 €

Ein kurzer Einblick

Armada ist eine auf dem Ozean schwimmende Stadt. Aus Schiffen gebaut, treibt sie über die Weltmeere. Bürger unzähliger Völker bewohnen die Schiffsrümpfe, betreiben Fabriken, verwalten Büchereien, säen Saatgut in mühsam angelegten Feldern aus. Es ist eine Piratenstadt, regiert von den Liebenden, die eine Legende zum Leben erwecken wollen: den Leviathan.

Bewertung

Der Roman »The Scar« ist im deutschen zweigeteilt unter den Titeln »Die Narbe« und »Leviathan« erschienen.

Armada ist eine auf den Weltmeeren schwimmende Metropole, Stadtstaat und Piratenkolonie. Sie ist überwältigend in der bildhaften Beschreibung und von kultureller Vielfalt geprägt. Die Stadt ist ein (unfreiwilliger) Zufluchtsort für Remade und aufgebrachter Schiffe aller Art. Thaumaturgie verschleiert den Standort für andere Seemächte, Selbstaufopferung zum Erhalt der Gemeinschaft und Gesellschaft wird vorausgesetzt. Schiffsplanken ächzen, Seevögel kreischen, Wellen branden in ewiger Unruhe an die Stadt an. Remades bevölkern gleichberechtigt neben Menschen, Kaktusmenschen, Khepri, Vampiren und vielen Völkern mehr Brücken und Schiffe. Doch um die Stadtbeschreibung und die Völker ging es bereits im ersten Teil der Rezension zu »Scar«. In diesem Teil soll es um die Hintergrundgeschichte gehen.

Die Terpsichoria war zur falschen Zeit am falschen Ort. Armada ist unersättlich, ein nimmersattes Ungeheuer, das nach neuen Einwohnern und Schiffen lechzt. Die schwimmende Piratenstadt nahm vor Jahrhunderten ihren Anfang und baute sich stetig mit aufgebrachten Schonern, Dampfern, Koggen, Segelschiffen, Schaufelraddampfern, … aus. Armada ist eine Legende, eine Seemacht, am Leben erhalten vom Plündern und aufwendigen Schiffsumbauten, um Nahrung anzupflanzen. Wenn dies die stetige Stadtgeschichte wäre, wäre die Story gänzlich anders verlaufen. Doch vor ewigen Zeiten hängte ein längst vergessener Wissenschaftler oder Anführer riesige Ketten unter die Schiffe, um einen Avanc zu fangen und anzuschirren. Ein Avanc, ein Leviathan – die Legende unter den Legenden aus einer anderen Dimension. Die Liebenden kamen dem Geheimnis auf die Spur und verfolgen seitdem den Plan, selbst einen Versuch zu unternehmen. Für Armada hieße dies, frei zu sein von Meeresströmungen, mit ungeahnter Geschwindigkeit die Weltmeere zu durchpflügen; dank der gigantischen Kraft des Avanc. Es ist ein Traum, eine Freiheit wie Armada sie nie gekannt hat. Soweit wäre dies die Hintergrundgeschichte aus »Die Narbe«. In »Der Leviathan« wird eine viel größere Legende angestrebt. Es ist eine Legende, die vor Jahrtausenden entstand, und demjenigen unzählige Möglichkeiten eröffnet, der diese Macht kontrollieren kann.
Hierauf baut die Faszination der Geschichte auf. Es ist nicht nur das komplexe Stadtbild, die Bevölkerungsstrukturen, Machtverhältnisse zwischen Vierteln, das Streben danach als schwimmende Stadt zu überleben: Es ist das Wagnis des Unbekannten. Es ist das Wagnis das Unmögliche zu besiegen und das Ziel dahinter anzuvisieren. Es sind weniger die Gefahren auf dem Weg, als die Gefahr am Ziel. Es ist die Gefahr zu versagen. China Miéville begnügt sich nicht mit Machtspielchen und der sehr detaillierten Skizzierung einer Metropole, der Autor baut darauf auf und erschafft eine Welt, die jedem Epos Konkurrenz macht.

Fazit

»Der Leviathan« ist ein sprachliches und erzählerisches Meisterwerk. Die Fantasie China Miévilles ist beeindruckend, die visionäre Ausgestaltung in gesellschaftlicher Struktur, politischer Geflechte und kultureller Differenzen zwischen den unterschiedlichsten Völkern atemberaubend. Armada erwacht vor den Augen des Lesers zu brodelndem Leben, treibt über die Weltmeere und strebt einem Ziel entgegen, das zwanghaft (im positiven Sinne!) gelüftet werden will.

5 von 5 Punkten

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Geschrieben von um 09:29 Uhr.

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