Dienstag, 03. April 2018

Rezension: Timmy Quinn 1. Der Schildkrötenjunge & Die Häute (Kealan Patrick Burke)

Voodoo Press
Taschenbuch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-902802-72-9
12,95 €

eBook, 7,99 €
ISBN: 978-3-902802-72-9

Ein kurzer Einblick

»Der Schildkrötenjunge« und »Die Häute« beinhaltet die ersten beiden Novellen der fünfteiligen Reihe um den Jungen Timmy Quinn, der mit den Toten kommunizieren kann. Der Fluch, auf die andere Seite des Vorhangs der Weltenbühnen sehen zu können, hat jedoch eine Kehrseite: Durch ihn sind die Toten in der Lage, Rache an den Lebenden zu nehmen.

Bewertung

»Der Schildkrötenjunge« gewann 2004 den Bram Stoker Award in der Kategorie Long Fiction. Ein Garant auf eine Erfolgsnovelle? Mitnichten, aber ein Indikator für guten Horror. Mittlerweile gilt Kealan Patrick Burke als einer der besten Horrorautoren unserer Zeit. Burke schreibt zumeist einfühlsamen und atmosphärischen Horror mit nachhaltigem Schauereffekt. Das gilt auch für die Bücher rund um Timmy Quinn. Spannung und eine gut erzählte Geschichte stehen im Vordergrund, wohingegen Gewaltbeschreibungen vorkommen, tatsächlich aber der bedrückenden Stimmung zugutekommen. Der Autor beschreibt lieber, anstatt sich in Monologen auszulassen, und baut auch damit eine geheimnisvolle und erschreckende Handlung auf, die nach und nach den Schrecken enthüllt. Häusliche Gewalt, Morde und Kindesmisshandlungen sind Thema, werden aber der Fantasie des Lesers überlassen. Burke reißt die Thematiken an und kehrt zur Handlung zurück. Timmy Quinn, der mit den Toten kommunizieren kann, bietet sich als Protagonisten für tragische Todesfälle an. Durch ihn sind die Toten in der Lage Rache an den Lebenden zu nehmen.

»Der Schildkrötenjunge« spielt 1979 in Delaware, Ohio. Es sind Sommerferien und die Hitze hat sich über das Land gesenkt. Noch weiß Timmy nichts von seiner Fähigkeit die Toten sehen zu können. Gemeinsam mit seinem Freund Pete spielt er an Meyers Teich, in dem gerüchteweise Schildkröten leben sollen. Dort hat er seine erste traumatische Begegnung. Nicht nur die Schwüle des Sommers schlägt auf das Gemüt, sondern auch die Erkenntnis, dass das Leben Timmys nie wieder das des unbeschwerten Kindes sein wird. Kealan Patrick Burke gelingt es hervorragend, eine bedrückende Sommerhitze mit den unheimlichen Vorgängen in Einklang zu bringen. Auch wenn die Geschichte nicht neu ist, ist sie verdammt gut erzählt. Erzähltempo und Dramatik reißen einen förmlich mit. Altmodischer Grusel funktioniert eben immer.

»Die Häute« setzt sieben Jahre später an. Timmys Eltern haben sich getrennt und der Junge ist mit seinem Vater in die alte Heimat Irland geflohen. Vor den Medien sind sie geflohen, doch Tote gibt es auch hier. Dem Prolog gelingt es erneut, die Stimmung aus »Der Schildkrötenjunge« einzufangen, die eigentliche Handlung hat mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Die bedrückende Atmosphäre, die Beschreibung des Grauens und die Angstempfindungen Timmys funktionieren nach wie vor hervorragend. Es sind die Kleinigkeiten, die die Novelle in der Wertung herabstufen. Der Vater ist mit einem Jobangebot mit Aufstiegschancen nach Irland gekommen, nimmt aber einen Arbeiterjob in einer Lederfabrik an; großartige Karrieremöglichkeiten gibt es dort bestimmt nicht. Wenn es nur eine Ausrede war, um die Flucht schönzureden, macht Burke dies zu wenig klar. Die Beschreibung der Lederfabrik hingegen ist phänomenal. Als Leser hat man das ungewollte Gefühl wie einem die Dämpfe und der Gestank der Chemikalien in die Nase kriechen, während das Auge versucht, in den Nebelschwaden die stampfenden Maschinen zu erkennen. Schwerwiegender ist jedoch die vertane Chance, erneut mit einem Plottwist zu trumpfen. Die ständigen Andeutungen, dass irgendetwas mit der Fabrik nicht stimmt, dass dort etwas Unheimliches vor sich geht, muss dem Leser nicht beständig vor die Nase gehalten werden. Das ist logisch, das sagt das Gespür; Andeutungen wären die bessere Alternative gewesen, um die Toten und ihre Pläne erneut zu inszenieren.

Fazit

Kealan Patrick Burke ist ein Autor, der eine bedrückende und unheilschwangere Atmosphäre aus dem Ärmel zu schütteln vermag. Konzentriert er sich darauf und auf eine knackig erzählte Geschichte, entstehen gruselig unterhaltsame Romane. Sobald er jedoch abschweift, versucht mehr zu sein, als ein Zauberer der atmosphärischen Erzählung, leidet die Story an Kleinigkeiten, die schwerlich das Gesamtbild trüben, aber unwillkürlich aus dem Sog der Düsternis reißen.

3.5 von 5 Punkten

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Geschrieben von um 20:18 Uhr.

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