Sonntag, 05. November 2017

Rezension: Totgeträumt (Tobias Bachmann)

Oldigor Verlag
Taschenbuch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-95815-079-9
(nie erschienen)

eBook, 4,99 €
ISBN: 978-3-95815-078-2

Ein kurzer Einblick

Die Bewohner Sagunths plagt ein Kollektivtraum, der wissenschaftlich betrachtet nicht möglich ist. Sie schleppen Steine, um einen gigantischen Turm in den Traumlanden zu errichten. Doktor Felten und seine Assistentin Anna Siel erforschen im Schlaflabor das seltsame Phänomen und kommen gemeinsam hinter das Geheimnis. Der Sandmann zwingt die Bewohner zur Zwangsarbeit, bringt die schlafenden Körper an den Rand des Todes. Die Traumarbeit laugt den realen Körper aus.

Bewertung

Sagunth ist eine fiktive Stadt des Autoren Tobias Bachmann, die seiner Heimatstadt Erlangen nachempfunden ist. In Sagunth verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Hier bröselt die Schicht zu Orten, die besser im Verborgenen geblieben wären. Wer glaubt, Sagunth sei eine Illusion irrt – Sagunth gibt es wirklich.

Seinerzeit hatte mir bereits »Das Spiel der Ornamente« (erschienen bei Eloy Edictions) sehr gut gefallen, wenn auch die Charaktere aus einer etwas zu distanzierten Art heraus agierten. Die Handlung siedelte sich in Westvorstadt, einem Vorort von Sagunth an, in dem »Totgeträumt« angesiedelt ist. Die Kommissare Marrak und Schäfer dürfen erneut ermitteln. Nun machen ihnen nicht mutierte Katzen, sondern der Sandmann und der Alb zu schaffen. Und ganz eigentlich sind sie auch nicht die Protagonisten, sondern unfreiwillig in einen Machtkampf verwickelt worden, der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit sprengt.

»Es heißt, der Schlaf sei dem Tode sehr ähnlich. Manches Mal aber kann er sogar der Tod selbst sein.« (Seite 128)

Die Bewohner Sagunths träumen einen gemeinsamen Traum, in dem Sie einen schwarzen Turm gigantischen Ausmaßes errichten. Im medizinischen Schlaflabor forschen Doktor Felten und seine Assistentin Anna Siel an dem kollektiven Traum, der wissenschaftlich betrachtet, vollkommen unmöglich ist. Es ist der Beginn einer Forschung, der die Grenzen der Wissenschaft sprengt und Geheimnisse lüftet, die der Menschheit verborgen sind. Es ist eine Geschichte, die die vielfältige Gestalt des Sandmanns verarbeitet. Hauptsächlich hat sich Tobias Bachmann wohl von E. T. A. Hoffmanns »Der Sandmann« beeinflussen lassen. Etwaige Parallelen, eigenständige oder aufgegriffene Ideen kann ich nicht mit in die Rezension einbeziehen, da ich den Roman nicht gelesen habe. Es sei mir verziehen, wenn eine Metaebene verloren geht, die den Roman in ein weit unheimliches Licht rücken würde. So lasst uns auf ein Abenteuer begeben, das visionär erzählt ist, sich der Fesseln des Grusels nach und nach entledigt und eine Phantasmagorie aufbaut, die eindringlicher und bildlicher nicht hätte zu Papier gebracht werden können.
Der Traum, dieser Traum, der den Körper auslaugt und am nächsten Morgen ermüdend erwachen lässt. Es ist kein erholsamer Traum, es ist ein Albtraum, der Sagunth ergreift und alle Bewohner Steine schleppen lässt. Unheimlich, verhängnisvoll, desaströs … Tobias Bachmann skizziert ein düsteres Bild einer Stadt, die sich verzweifelt an das Leben klammert. Dabei spielt gar nicht so sehr das Wissen des Lesers darum eine Rolle, dass eine überirdische Macht verantwortlich ist, sondern das Wissen darum, dass Sagunth hilflos ausgeliefert ist. Kaum ein Bürger ist sich bewusst, dass der Sandmann die Bürger zum Turmbau benötigt. Tagsüber verrichten sie vollkommen übermüdet ihren Alltag, des Nachts schuften sie in den Traumlanden. Es ist ein Verhängnis, das gleichermaßen natürlich erscheint, gleichermaßen aber auch übernatürlich. Natürlich sind die Bürger sich nicht bewusst, welche Macht hinter dem Traum steckt, sehr wohl begreifen sie aber, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.
Nur wenige Bürger wie Doktor Felten, Anna Siel, die Kommissare Marrak und Schäfer, und Peter Krämer, der bereits in seiner Kindheit dem Sandmann begegnete, gelingt es, den Schleier der Realität zu durchdringen und den Kampf aufzunehmen, der die Menschheit bedroht. Der gruselige Unterton des Romans wandelt sich nach und nach zu einer Surrealität, die bildgewaltig beschrieben ist. Der Leser bereist die Traumwelt des Sandmanns und erblickt sowohl phantastisches als auch grauenhaftes. Es wird eine zweite Wirklichkeit erschaffen, die eng mit der menschlichen Realität verflochten ist. »Totgeträumt« verwandelt sich von einem simplen Kampf und Aufbegehren gegen den Sandmann zu einem Kampf, der sich gegen die Menschheit, gegen das Träumen, gegen den Sandmann richtet. Es ist ein Kampf, der Opfer für den Sieg verlangt. Es ist ein Kampf, der das Schwarzweiß auflöst, der Kompromisse benötigt. Es ist ein Kampf, der auf jeder Kinoleinwand episch zu nennen wäre.

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Fazit

Tobias Bachmann erschafft einen Traum, der Realität und Fiktion verbindet. Er erschafft einen Albtraum, der der Wissenschaft des Träumens neue Grenzen setzt. »Totgeträumt« ist in vielen Belangen mehr als ein simpler Kampf der Menschen gegen den Sandmann. Es ist eine Geschichte, die die Menschheit unverrückbar mit der Traumwelt verbindet. Es ist ein Abenteuer, das eines lehrt: Träume sind das, was der Mensch aus ihnen macht.

4.5 von 5 Punkten

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