Donnerstag, 12. Juli 2018

Rezension: Traumlieder I (George R. R. Martin)

Heyne
Paperback, 544 Seiten
ISBN: 978-3-453-31611-9
14,99 €

eBook, 11,99 €
ISBN: 978-3-641-14560-6

Ein kurzer Einblick

Der Name George R. R. Martin steht nicht nur für »Game of Thrones«. Der talentierte Autor beackert ein großes Genre-Feld. Science-Fiction, Horror, Fantasy, Comic- und Lovecrafteinflüsse … George R. R. Martin ist zurecht einer der erfolgreichsten Autoren unserer Zeit. Das zeigt nicht nur das große Leserinteresse, sondern auch die unzähligen Literaturpreise, die sein Schaffen ehren. »Traumlieder« versammelt in dieser Storysammlung, vom Autor selbst eingeleitet, einige ausgewählte Erzählungen seiner Karriere.

Bewertung

»Traumlieder I« ist der Auftakt zum literarischen Werdegang George R. R. Martins. Die Geschichten sind von Martin chronologisch zusammengestellt, beginnend in seinen frühen Anfängen, in denen der heutige Star unter den Schriftstellern, selbst noch Fanboy von Comics ist, und er tapsend die ersten Versuche unternimmt, in die Welt der geschriebenen Worte vorzudringen. Zeitabschnitte werden von ihm mit einzelnen Einleitungen versehen, die quasi eine Autobiografie sind, denn Martin ist extrem redselig / schreibwütig. Schon damals war der Autor ein talentierter Erzähler. Erstmals erfährt man mehr über den Werdegang, wie George R. R. Martin zunächst Leserkritiken verfasst, eigene Geschichten für Fanzines einreicht, erste Nominierungen für renommierte Preise einheimst und später auch Preise gewinnt. Man erfährt aber nicht nur etwas über seinen Werdegang, sondern kann die Erzählungen einordnen und feststellen, welche Lebensereignisse oder Interessen die Geschichten prägen. »Traumlieder« ist ein perfekter Überblick über das Schaffen von George R. R. Martin.

Wer vor Spoilern entsetzt davonrennt, sollte ab diesem Punkt Abstand nehmen. Folgend sollen drei Geschichten aus verschiedenen Zeitabschnitten stellvertretend für alle Erzählungen angerissen und kurz erörtert werden.

»Nur Kinder fürchten sich im Dunkeln«
Im Reich Corlos herrscht der Herr der Dämonen Saagael. Sein Tempel liegt vergessen tief im Dschungel. Als zwei Diebe dort auf der Flucht Blut vergissen, ist es Saagael nach Jahrhunderten des Wartens möglich, erneut auf der Erde in Erscheinung zu treten und Anhänger um sich zu scharen. Dr. Weird, der grüngoldene Geister-Rächer, kann den Dämonen in den Abgrund schicken, aus dem er kam.
Die ist eine der sehr frühen Geschichten Martins. Man merkt sowohl dem Stil, als auch den Figuren und der Plotentwicklung an, dass der Autor noch viel zu lernen hat. Die Charaktere sind schablonenhaft, die Geschichte ist simpel, wartet aber mit einem überraschenden Kniff in der Auflösung auf. Deutlich ist der Comic- und Lovecraft-Einfluss zu spüren. Obwohl die Erzählung kaum über den Punkt ist-ziemlich-ok herauskommt, kann sie dennoch problemlos unterhalten.

»Die zweite Stufe der Einsamkeit«
Der Tagebuchschreiber arbeitet seit vier Jahren auf der Raumstation Cerberus 6. Millionen von Kilometern, trennen ihn vom nächsten bewohnten Planeten. Einsam und allein verrichtet er seinen Job. Einzig die Raumschiffe, die vorbeikommen, um in das Wurmloch einzutauchen, das der Protagonist ihnen öffnet, sind das einzige Leben, das er in den Jahren sieht. Bald soll seine Ablösung kommen …
Die Erzählung ist ein Spiel der Hoffnung und der Angst. Endlich, endlich kann der Schreiber zurück auf die Erde, soziale Kontakte knüpfen, vielleicht wieder die Beziehung aufleben lassen. Es ist die Hoffnung eines Mannes, der in Einsamkeit und allein mit seinen Gedanken lebt. Gleichzeitig frisst die Angst ihn auf. Was, wenn die Liebe scheitert? Die Angst sucht ihn in Alpträumen heim. Zuflucht und Trost findet er nur im wunderschönen Farbenspiel des Wurmlochs. Wissenschaftliche, nüchterne Science-Fiction und das psychologische Profil eines (wahnsinnigen?) Protagonisten bestimmen das erzählerische Bild.

»Die Steinstadt«
Holt ist ein Sternenfahrer, dessen großer Traum darin besteht, den Mittelpunkt der Galaxis zu sehen. Er strandet auf Grauraust, der Welt einer antiken Steinstadt, als sein Kapitän spurlos verschwindet. Fortan nervt er die Hafenbehörde und verdient seine Brötchen als Dieb. Als er unter Zorn jemanden tötet, flüchtet er in die Tunnel unter der Stadt und entdeckt ein Labyrinth, das seine Träume wahr werden lässt.
In chronologischen Rückblenden berichtet Holt von seinen Erlebnissen und dem Stranden in der Steinstadt. Stets steht die Hoffnung im Vordergrund, dass er schon bald auf einem neuen Schiff anheuern kann, um weiter in die Tiefe der Galaxis, die noch kein Mensch bereiste, vordringen zu können. Genau diese Hoffnung ist eine erzählerische Irreführung des Plots. Geschickt nutzt Martin die Erwartungshaltung des Lesers aus, um zwar das Ziel zu erreichen, aber auf einem gänzlichen anderen Weg. Gleichzeitig verwebt er Science-Fiction, Traum und Realitätsempfinden. Was ist wahr und was ist geistige Umnachtung?

Fazit

Storysammlungen haben ein Problem. Nicht jede Geschichte kann gefallen; auch nicht von George R. R. Martin. Storysammlungen haben einen Vorteil. Geschichten, die man nicht mag, sind schnell ausgelesen. So dürfte für jeden etwas dabei, wobei Science-Fiction-Freunde besonders Jauchzen dürfen. »Traumlieder« ist der perfekte Einblick in George R. R. Martins Entwicklung schriftstellerischen Schaffens.

4 von 5 Punkten

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Geschrieben von um 19:21 Uhr.

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