Dienstag, 28. August 2018

Rezension: Traumlieder II (George R. R. Martin)

Heyne
Paperback, 624 Seiten
ISBN: 978-3-453-31625-6
14,99 €

eBook, 11,99 €
ISBN: 978-3-641-14652-8

Ein kurzer Einblick

Der Name George R. R. Martin steht nicht nur für »Game of Thrones«. Der talentierte Autor beackert ein großes Genre-Feld. Science-Fiction, Horror, Fantasy, Comic- und Lovecrafteinflüsse … George R. R. Martin ist zurecht einer der erfolgreichsten Autoren unserer Zeit. Das zeigt nicht nur das große Leserinteresse, sondern auch die unzähligen Literaturpreise, die sein Schaffen ehren. »Traumlieder II« versammelt in dieser Storysammlung, vom Autor selbst eingeleitet, einige ausgewählte Erzählungen seiner Karriere.

Bewertung

»Traumlieder II« ist die Fortsetzung zum literarischen Werdegang George R. R. Martins, wobei die Erzählungen in etwa einsetzen, als er mit der Science-Fiction erste Erfolge feierte und sich zunehmend einen Namen macht. Das Groß der Geschichten legt den Genrefokus auf Hybriden zwischen Horror und Science-Fiction. Entsprechend knapp, fallen der erste und dritte Abschnitt aus. »Die Erben der Schildkrötenburg« ist der Fantasy zuzurechnen und die Qualität ist solide, aber kaum überragend. Mehr als zufriedenstellende Leserkost ist das noch nicht. »Eine Kostprobe von Tuf« ist wortwörtlich zu verstehen. Beide Tuf-Geschichten sind bereits in »Planetenwanderer« enthalten, sodass der Abschnitt eher eine Art Leseprobe ist. Auch der Autor hält sich diesmal sehr zurück. Die Einleitungen sind wenig unterhaltsam und schon gar nicht ausführlich. Ein paar Sätze zur Entstehung der Stories, ein paar Anekdoten eingestreut, George R. R. Martin ist wortkarg wie noch nie. Schade, denn gerade die autobiografischen Abschnitte haben den ersten Teil der Traumlieder so interessant gemacht. Stattdessen konzentriert sich die Sammlung gänzlich auf »Hybride und Horror«. Trotz aller Kritik ist »Traumlieder II« ein hervorragender Überblick über das Schaffen von George R. R. Martin.

Wer vor Spoilern entsetzt davonrennt, sollte ab diesem Punkt Abstand nehmen. Folgend sollen drei Geschichten aus »Hybride und Horror« stellvertretend für alle Erzählungen angerissen und kurz erörtert werden.

Der Fleischhausmann
Greg Trager ist Leichenführer auf dem Planeten Skakky. Leichen sind wunderbare Arbeitskräfte für schmutzige Arbeit. Eingesetzt in Minen, Waldrodung oder im Fleischhaus, ist es nur den Leichenführern möglich, diese zu befehligen. Die Leichen sind nicht tot, aber auch nicht lebendig. Das Gehirn ist synthetisch ersetzt und ermöglicht es, den Führern per Telepathie die Körper zu befehligen. Der Autor rückt dabei aber gar nicht so sehr die Perversion, die Abartigkeit, oder überhaupt das gesellschaftliche Gebilde in den Vordergrund, das am guten Geschmack kratzt, sondern erzählt eine Liebesgeschichte. Als Trager eine echte Frau kennenlernt, schwört er dem Fleischhaus zur schnellen Befriedigung ab. Unbedingt möchte er mehr als nur ein Freund für diese Frau sein …

Nachtgleiter
»Nachtgleiter« wird aktuell unter dem Originaltitel »Nightflyer« als TV-Serie für Netflix verfilmt wird. Es ist eine Geschichte, die als Setting Science-Fiction bemüht, als Plot aber auf Mystery-Horror setzt. Das Raumschiff namens Nachtgleiter ist voll automatisiert. Nur Captain Royd Eris wird als Crew-Mitglied benötigt. Zum Zeitvertreib und zu Studienzwecken nimmt er Passagiere auf, dieses Mal Wissenschaftler, die dem Mythos der Volcryn Leben einhauchen wollen. Unterwegs zum Zielort, beschleicht die Passagiere ein mulmiges Gefühl. Ist Royd wirklich, wer er zu sein vorgibt? Ist noch etwas an Bord, etwas gefährliches? Ominöse Geschehnisse treiben die Spekulationen voran. Dem Autor ist ein wunderbarer Genre-Mix gelungen, der durch die hervorragend ausgearbeiteten Charaktere und die Psychologie unter ihnen und das Unwissen, das alle nervös macht, wahren Thrill erzeugt.

Der birnenförmige Mann
Jessie, gerade in eine neue Wohnung gezogen, ist Buchillustratorin. Sie könnte ungestört ihrer Arbeit nachgehen, würde da nicht dieser birnenförmige Mann aus der Kellerwohnung existieren. Käseflockenessend lungert er im Hauseingang herum und stalkt Jessie. Oder ist der Mann möglicherweise einfach nur geistesgestört und Jessie bildet sich das alles nur ein? George R. R. Martin spielt mit der Dramatik, der Erwartungshaltung, dem Verfolgtsein und auch dem Ekel vor diesem unsympathischen Mann. Es ist die Intensität, weniger die vorhersehbare Auflösung, und die ansteigend Angst und Panik Jessies, die der Geschichte eine ungeahnte Schnelligkeit verleiht.

Fazit

Storysammlungen haben ein Problem. Nicht jede Geschichte kann gefallen; auch nicht von George R. R. Martin. Storysammlungen haben einen Vorteil. Geschichten, die man nicht mag, sind schnell ausgelesen. So dürfte für jeden etwas dabei, wobei Science-Fiction-Horror-Freunde besonders Jauchzen dürfen. »Traumlieder« ist der perfekte Einblick in George R. R. Martins Entwicklung schriftstellerischen Schaffens, aber dieses Mal leider weniger in den Werdegang des Autors selbst.

4 von 5 Punkten

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Geschrieben von um 18:18 Uhr.

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