Dienstag, 02. Oktober 2018

Rezension: Traumlieder III (George R. R. Martin)

Heyne
Paperback, 832 Seiten
ISBN: 978-3-453-31672-0
14,99 €

eBook, 11,99 €
ISBN: 978-3-641-15371-7

Ein kurzer Einblick

Der Name George R. R. Martin steht nicht nur für »Game of Thrones«. Der talentierte Autor beackert ein großes Genre-Feld. Science-Fiction, Horror, Fantasy, Comic- und Lovecrafteinflüsse … George R. R. Martin ist zurecht einer der erfolgreichsten Autoren unserer Zeit. Das zeigt nicht nur das große Leserinteresse, sondern auch die unzähligen Literaturpreise, die sein Schaffen ehren. »Traumlieder III« versammelt in dieser Storysammlung, vom Autor selbst eingeleitet, einige ausgewählte Erzählungen seiner Karriere.

Bewertung

»Traumlieder III« ist die Fortsetzung zum literarischen Werdegang George R. R. Martins, wobei die Erzählungen in etwa einsetzen, als er für Hollywood Drehbücher schrieb (u.a. für die Serie Twilight Zone). Zuvor floppte sein Roman »Armageddon Rock« und niemand interessierte sich für weitere Romane. Dankbar nahm Martin das Angebot an, für das Filmgeschäft zu schreiben. Nicht erfolgreich, aber er verdiente Geld. Weiter geht es mit der Superhelden-Reihe »Wild Cards«, die bis heute fortgeführt wird. Zwei der früheren Geschichten sind hier abgedruckt. Mit den nachfolgenden Geschichten zeigt George R. R. Martin, dass das Denken in Genre-Schubladen allergrößter Humbug ist. Eine Geschichte ist nicht nur Western oder Fantasy oder was-auch-immer, sondern bedient sich nur des Settings. Dies zeigt er in den folgenden Geschichten, in dem weniger das Genre wichtig ist, sondern die Erzählung an und für sich. Abgerundet wird der Band mit einer Rede zur World Science Fiction Convention in Toronto aus dem Jahre 2003. Dankenswerterweise hat der Autor die autobiografischen Abschnitte wieder ausführlicher ausgestaltet, sodass hier nicht nur in Geschichten geschmökert werden darf, sondern auch der Werdegang Martins einen deutlich interessanteren Part im Vergleich zum zweiten Band einnimmt. »Traumlieder III« ist ein hervorragender Überblick über das Schaffen von George R. R. Martin.

Eine Rezension zur enthaltenen Geschichte »In der Haut des Wolfes«, erschienen als Hardcover im Festa Verlag, könnt ihr unter der Verlinkung finden.

Wer vor Spoilern entsetzt davonrennt, sollte ab diesem Punkt Abstand nehmen. Folgend sollen drei Geschichten stellvertretend für alle Erzählungen angerissen und kurz erörtert werden.

Doorways
Das Drehbuch handelt von Reisenden oder besser gesagt, Flüchtigen und Jägern. Nur selten öffnen sich Türen in ein Paralleluniversum. Genau durch solch eine flüchten die Protagonisten und landen in einem vom Krieg zerstörten Amerika, mitten im Winter. Sie werden von einer Gruppe Soldaten aufgefunden, die um ihr Überleben kämpfen. Panzer und Busse sind liegen geblieben, die Batterien sind leer und bald auch die Nahrungsvorräte. Dank einer zukünftigen Technologie gelingt es ihnen, die Fahrzeuge wieder zum Laufen zu bringen. Die Soldaten können nicht nur in den verheißungsvollen Süden aufbrechen, sondern auch die beiden Protagonisten zur nächsten Welten-Tür bringen. Die Jäger nahen bereits.
»Doorways« ist ein Drehbuch für die gleichnamige Serie, für die 1992 auch der Pilotfilm gedreht, aber niemals im TV ausgestrahlt wurde. Etwas anstrengend zu lesen, ein Drehbuch ist eben nicht als Lektüre gedacht, bedient sich George R. R. Martin der Science-Fiction, um eine Ausgangslage zu erschaffen, die in einem kürzlich zerstörten Amerika als Grundlage dient. Technologien einer technisch versierteren Rasse sind nützlich, wenn es um das Überleben geht.

Das Tagebuch des Xavier Desmond
Xavier Desmond ist ein Joker mit Elefantenrüssel. Er ist einer der wenigen Teilnehmer, der von der Weltgesundheitsorganisation zu einer Welttour eingeladen wird, um zu dokumentieren wie Joker in anderen Ländern behandelt werden bzw. wie Effektiv andere Organisationen das Wild Cards-Virus bekämpfen.
Die Geschichte ist der Reihe »Wild Cards« zuzuordnen. Wer noch gar keinen Kontakt mit der Reihe hatte, erhält zwar einen netten Überblick über Charaktere, Ideen und das allgemeine Klima zum Thema Wild Cards-Virus, dürfte ansonsten aber relativ unbefriedigt sein. Die Geschichte erklärt nicht; natürlich nicht – sie ist aus ihrem Kontext gerissen. Leser der Wild Cards-Reihe haben mehr Freude. Mit dem Hintergrundwissen der bereits auf Deutsch erschienen Bände, lassen sich Charaktere und die Art, wie mit den Jokern umgegangen wird, besser einordnen. Endlich erfährt man auch, wie es außerhalb Jokertowns zugeht, wie Joker in Afrika, Asien und Europa be- und misshandelt werden.

Aussichtslose Varianten
Ehemalige Kommilitonen vom College und aus der gemeinsamen Schachzeit werden zum Anwesen eines Freundes eingeladen. Gemeinsam gewannen und verloren sie Turniere. Was nach einem fröhlichen Wiedersehen klingt, entpuppt sich schon bald als Rache eines gedemütigten Schachspielers. Das Schachspiel avanciert zum Spiel des Lebens.
George R. R. Martin verarbeitet seine eigene Schachvergangenheit und eine Zeitreise. Nicht nur eine gedankliche Zeitreise in die Vergangenheit. Bevor jemand einschläft, dem Autor gelingt es hervorragend, den Leser bei Laune zu halten. So langweilig Schach auch in Sachen Action sein mag, der Autor strickt eine verdammt spannende Geschichte um diesen Denksport und vermischt Science-Fiction, Sport und Collegefreunde zu einem nervenaufreibenden Spiel. Wer mag das Match gewinnen, wer wird der Verlierer sein?

Fazit

Storysammlungen haben ein Problem. Nicht jede Geschichte kann gefallen; auch nicht von George R. R. Martin. Storysammlungen haben einen Vorteil. Geschichten, die man nicht mag, sind schnell ausgelesen. »Traumlieder III« beherbergt eine bunte Mischung an Geschichten: Drehbücher, Science-Fiction, Horror, Schach, Superhelden, … »Traumlieder« ist der perfekte Einblick in George R. R. Martins schriftstellerisches Schaffen und in diesem Band gewährt der Autor sogar einen Einblick ein sein filmisches Schaffen.

4 von 5 Punkten

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Geschrieben von um 19:58 Uhr.

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