Samstag, 28. Juli 2018

Rezension: Un Lon Dun (China Miéville)

Bastei Lübbe
Taschenbuch, 592 Seiten
ISBN: 978-3-404-20588-2
8,95 €

Ein kurzer Einblick

Die beiden Mädchen Zanna und Deeba folgen einem flatterndem Etwas durch die Gassen Londons und gelangen schließlich nach UnLondon. Hier enden die verlorenen und kaputten Gegenstände Londons. Graffelhäuser wachsen in unnormalen Windungen in die Höhe, Tür-Spinnen jagen Schatzjäger, Busse watscheln auf vier Beinen durch die Gassen, lebendiger Müll durchstreift die düsteren Winkel. Fremdartig präsentiert sich UnLondon den Mädchen. Und noch etwas erfahren sie: Der Smog bedroht die Stadt und plant deren Vernichtung. Zanna, in einer uralten Prophezeiung als die Auserwählte erkoren, muss den Feind bezwingen.

Bewertung

Als China Miéville-Leser, der die hohe Qualität und Komplexität von »Perdido Street Station« oder »The Scar« gewohnt ist und den Autoren dafür liebt, darf man sich nichts vormachen. »Un Lon Dun« ist ein All-Age-Urban-Fantasy-Roman und deutlich einfacher gestrickt, da der Erzählstil auf ein jüngeres Publikum zugeschnitten ist. Umso kurzweiliger und flotter ist das Lesevergnügen, doch ebenso abwechslungsreich wie seine übrigen Romane. Verstrickte Handlungen und Figureninteressen entfallen, innere ausführlich aufgedröselte Konflikte entfallen, stattdessen liegen leicht verständliche Sätze vor, ohne der Einfachheit anheimzufallen. Gänzlich entfällt der Autor seinem Talent nicht, denn konventionelle Handlungsmuster gibt es zwar, werden aber regelmäßig durchbrochen. Das Unerwartbare ist so erwartbar, wie das bei einem Autor nur sein kann, der noch nie simple Romane veröffentlichte. Die Charaktere werden nur skizziert, dafür gibt es deren viele. Masse und Klasse; Miéville versteht es, Abstriche wegen des Zielpublikums zu machen, dafür aber auch ein Gegengewicht zu finden. So bleiben Wendungen in der Handlung nicht aus und Action und unentwegter Handlungsfortschritt treiben die Story voran.

Was aber berechtigt die Aussage, dass der Roman trotz seiner banaleren Struktur den üblichen Mustern entkommt? Die ersten fünfzig Seiten schreien doch regelrecht danach, dass der Autor in die Fantasy-Grabbel-Kiste griff. Das stimmt, danach nimmt der Roman aber zunehmend Fahrt auf. Einfallsreiche Ideen, Kreaturen und Charaktere bevölkern die Handlung, das Bekannte wird umgedreht oder verbogen. Niemals kann man sicher sein, dass kein falsches Spiel getrieben wird. Bestes Beispiel dafür ist der Beginn, eben jene fünfzig Seiten: Zanna und Deeba gelangen durch Magie nach UnLondon, wo der Smog die Stadt bedroht. Eine alte Prophezeiung sagt aus, dass die Schwasie (Zanna), den Feind besiegen wird. Die Heldin muss die »Welt« retten. Gähn, zig Mal gelesen. Obacht, Zanna kehrt nach London zurück und vergisst, was passiert ist. Nun ist es an Deeba die Rolle zu übernehmen, dabei ist sie gar nicht die Auserwählte. Das sprechende Buch der Prophezeiung soll Ratgeber sein? Wohl kaum, der Schmöker ist nicht mehr als eine Lügenquelle, in dem zufällig ein paar Wahrheiten stehen. Giraffen in den Gassen? Ja, aber kaum die zahmen Tiere aus den Londoner Zoos. Es sind gefräßige Raubtiere, die nach Fleisch gieren, und den Menschen nur glauben machen, ihre Artgenossen aus den Zoos, würden die wahre Natur zeigen.

China Miéville feuert Fantasien und Ideen ab, wie kein anderer. Er bevölkert das dreckige und heruntergekommene UnLondon mit den merkwürdigsten und schrägsten Gestalten und schafft es doch, ein harmonisches und glaubwürdiges Gesamtbild zu erschaffen. In dieser Stadt muss Deeba den Smog mithilfe ihrer gefundenen Freunde besiegen. Ihr zur Seite stehen ein Halbgeist, ein Busschaffner, ein Schneider, dessen Kopf als Nadelkissen dient, Wort-Manifestationen und ein alter Regenschirm, den sie dem Unschirmissimo entrissen hat. Der Autor ist ein wahrer Künstler, aus dieser ungleichen Truppe in einer Welt, die abstrakter und verrückter nicht sein könnte, ein konsequent einfallsreiches und niemals langweilig werdendes Abenteuer zu kreieren.
Nebenbei wird Kritik an der Überflussgesellschaft und Umweltverschmutzung genommen und es werden Anspielungen auf staatlichen Angstterror und Terroranschläge gemacht. Das jedoch ohne mahnenden Zeigefinger, sondern eingebettet in die Handlung. Das rüttelt nicht auf, bewegt kaum zum Nachdenken über die eigene Ressourcen-Verschwendung; soll es auch nicht. Es verdeutlich lediglich, in welchen Zuständen UnLondon existiert und unter welchen Ängsten die Bürger leiden.

Fazit

Klassische Handlungsverläufe sucht man bei China Miéville vergeblich, obwohl der Autor sich diesen spürbar angenähert hat. »Un Lon Dun« ist aber auch keine Erwachsenen-Fantasy, sondern All-Age-Fantasy, die ein deutlich jüngeres Publikum ansprechen soll. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Kaum lässt sich aber bestreiten, dass der Autor ein Feuerwerk an Ideen, Wendungen, einfallsreichen Kreaturen und unkonventionellen Charakteren abfeuert.

4 von 5 Punkten

Geschrieben von um 19:24 Uhr.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

7 − 5 =