Samstag, 07. Juli 2018

Rezension: Unterleuten (Juli Zeh)

btb
Taschenbuch, 656 Seiten
ISBN: 978-3-442-71573-2
12,00 €

Ein kurzer Einblick

Unterleuten ist ein kleines Dorf in Brandenburg, in dem jeder noch jeden kennt, obwohl es auch immer mehr aus Berlin Zugezogene gibt. Hier existieren markante Persönlichkeiten, alte Feind- und Freunschaften und insbesondere seltene Vogelarten. Doch als Windkraftanlagen in Unterleuten gebaut werden sollen, brechen alte Streitigkeiten wieder auf und auf einmal geschehen mehrere schreckliche Dinge…

Bewertung

Juli Zeh hat mit „Unterleuten“ einen modernen Gesellschaftsroman geschrieben, der eindrücklich viele Gegensätzlichkeiten in unserer modernen Gesellschaft aufzeigt, zugleich aber auch demonstriert, dass es häufig Dinge wie Familie und Identität sind, auf die es ankommt. In Unterleuten hat die Zeit still gestanden. Hier gibt es noch eine dörfliche Gemeinschaft mit klaren Rollen, dem Unternehmer des Dorfes, dem viele aufgrund seines Geldes einen Gefallen schulden, dem Bürgermeister, der von ihm eingesetzt ist, diejenigen, die vom Unternehmer abhängig sind und diejenigen, die ihn hassen. Zwischendrin stehen diejenigen, die aus der Großstadt Berlin nach Unterleuten geflüchtet sind, nicht so richtig ins Dorf passen und dort auch nicht integriert sind.
Juli Zeh zeichnet eindruckvoll alle diese Figuren, die den Roman im Wechsel erzählen, und die der Leser nach und nach besser kennenlernt. Mit unglaublicher Leichtigkeit fliegt man geradezu über die Seiten und kann verfolgen, wie die ungewöhnlichsten neuen Freund- und Feindschaften entstehen, als es darum geht, ob im Dorf Windkraftanlagen gebaut werden sollen. Juli Zeh schafft es geschickt, alle Dorfbewohner in diese Auseinandersetzung einzubeziehen, sodass schließlich jeder ein Interesse für bzw. gegen die Windkraftanlagen hat. Je mehr Menschen, ihre Bedingungen und Einschätzugen über andere Dorfbewohner der Leser kennen lernt, desto mehr Pespektiven eröffnen sich für ihn, sodass es auch für den Leser schwierig wird, sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden. Durch die verschiedenen Erzähler wird die Spannung des Romans konstant aufrecht erhalten, auch wenn er in der Mitte doch ein paar Längen besitzt und zu viele Nebenschauplätze eine Rolle spielen.
Obwohl nach einer gewissen Zeit die häufigen Wechsel zwischen den Erzählern anstregend zu lesen werden, gelingt es Juli Zeh dadurch, die verschiedensten Beweggründe für das Handeln der Menschen deutlich zu machen. Dabei steht immer wieder der Konflikt zwischen eigenem Nutzen und den eigenen Überzeugungen im Mittelpunkt. Dadurch gibt es ständige Wechsel zwischen den beiden Seiten und man kann sich nie sicher sein, dass der vordergründig geäußerte Standpunkt auch die reale Einstellung widerspiegelt. Wichtig sind hier insbesondere die Identifikation mit dem Dorf und der Familie, die im Zweifel gegenüber der Profitgier des Unternehmers aus München obsiegen.

Fazit

Juli Zeh hat mit „Unterleuten“ einen modernen Gesellschaftsroman geschrieben, der es dem Leser ermöglicht, immer wieder andere Perspektiven einzunehmen, über das Verhältnis von Interesse und Moral nachzudenken und sich im Zweifel auf die zentralen Dinge im Leben zu konzentrieren. Durch Juli Zehs Schreibstil ist es trotz kleinerer Unzulänglichkeiten ein Genuss, den Roman zu lesen.

4 von 5 Punkten

Geschrieben von um 10:06 Uhr.

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