Donnerstag, 14. Mai 2020

Rezension: Vogelmanns Schatten (Steven Savile)

Voodoo Press
Paperback, 270 Seiten
ISBN: 978-3-902-80224-8
13,95 €

Ein kurzer Einblick

Declan Shea wird zum Ritter des Ordens der neuen Morgendämmerung erhoben. Gleichzeitig beraubt ihm ein uraltes Übel aller Hoffnung und Menschlichkeit. Ein Krieg tobt in den Gassen Newcastles, der die Lebensadern der Stadt erstickt. In den verfallenden Mauern der Stadt muss Declan den Schmutz und das Ungeziefer reinigen. Doch Declan fühlt sich nicht zum Retter berufen, ein Mensch, der sein altes Leben weiterlebt, darf er jedoch auch nicht sein.

Bewertung

»Vogelmanns Schatten« ist ein abstraktes Konstrukt aus Gedanken, Wahnsinn und dem Verfall einer Stadt. Umso schwieriger ist es, adäquat den Inhalt wiederzugeben oder zu reflektieren, der sich weniger in der Handlung manifestiert, sondern mehr in einer schon fast poetischen Sprache, die als Kunstwerk die Wahrnehmung des Geschehens und der versinnbildlichten lebendigen Stadt den Stil prägnant gestaltet. Es ist keineswegs verkehrt den Roman als intelligent zu bezeichnen, aber umso schwerer ist die Intention des Autors zu erfassen. Eine seichte Unterhaltung, die lediglich dem Vergnügen dienen soll, sucht man hier vergeblich.

Declan Shea ist Jazzpianist. Durch Umstände, die hier nicht näher erläutert werden müssen, wird er brutal ermordet. Malachi, der dem Orden der neuen Morgendämmerung entstammt, schenkt Declan neues Leben und ernennt ihn zu seinem neuen Streiter, um die Stadt vom Ungeziefer zu befreien. Anstatt jedoch als mordender Soldat durch die verfallenen Gassen der Stadt zu streifen, lehnt Declan seine Aufgabe ab, bevor er aus Rachegelüsten dazu gezwungen wird, die Jagd auf die Bettler zu eröffnen.

Eine actiongeladene Handlung darf nicht erwartet werden. Überhaupt existiert der Handlungsfortschritt nur in kurzen Schüben. Dazwischen dominieren enervierend lange Passagen, die den Gemütszustand Declans beschreiben, den Verfall der Stadt in komplexen, adjektivreichen Sätzen wiedergeben. Das liest sich bisweilen willkürlich, langatmig oder wiederholend. Es darf aber nicht vergessen werden, dass der Roman eine Studie des Wahnsinns des Protagonisten, eine Studie über die lebendige Stadt, die am Ungeziefer erstickt, eine Studie über das Leben, den Überlebenswillen und die Macht über das eigene Ich ist. Identität ist das Stichwort, das über jedem Subjekt und Objekt schwebt. Zumindest hatte ich diesen Eindruck, andere Leser mögen weitere oder gänzliche andere Themen finden. Sicher ist nur, dass der extrem gemächliche Stil ein Spiegelbild dessen sein soll, was der Autor zum Ausdruck bringen möchte. Die Handlung ist nur das Konstrukt, das zur Definition dient, sie ist der wörtliche Träger und entwickelt sich nur dann weiter, wenn dies nötig ist. Dies macht es auch so unheimlich schwer zu erfassen, worum sich die Thematik eigentlich dreht. Wir sind es gewohnt, dass die Handlung zentrale Elemente wiedergibt. Steven Savile zwingt den Leser zum Nachdenken, zum wiederholten Lesen von Absätzen. »Vogelmanns Schatten« ist keine leichte Lektüre, aber gerade wegen des Stils auch ein unheimlich intensiver, harter und direkter Roman. Das Verweilen in einer Situation, zwingt dazu, den Moment auszukosten.

Fazit

»Vogelmanns Schatten« ist kein Roman für jedermann. Intelligent, aber schwer zu erfassen, entwickelt Steven Savile einen ganz eigenen Sog, der fesselt und langweilt. Die fast nicht existierende Handlung ist in wenigen Worten zusammengefasst, die ellenlangen Beschreibungen des Geisteszustandes, der Gedankenwelt und der feuchten Gassen ist ebenso faszinierend wie ermüdend. Der Roman lässt (zumindest mich) sehr ambivalent zurück. Er begeistert und ödet gleichzeitig an.

3 von 5 Punkten

Geschrieben von um 19:20 Uhr.

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