Dienstag, 13. Februar 2018

Rezension: Was vom Tage übrig blieb (Kazuo Ishiguro)

Heyne
Taschenbuch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-453-42160-8
9,99 €

Ein kurzer Einblick

James Stevens ist Butler im englischen Herrenhaus Darlington Hall. Sowohl unter Lord Darlington als auch unter seinem neuen Herrn Mister Farraday sorgt er dafür, dass der Haushalt einwandfrei ist. Zudem ist er die Verschwiegenheit in Person. Er dient voll und ganz seinem Herrn und hat daneben quasi kein Privatleben. So gelingt es auch Miss Kenton, der Haushälterin, nicht, ihm näherzukommen. Doch eines Tages holt ihn die Vergangenheit ein und er beginnt über sie, sein Leben und die gesellschaftlichen Verhältnisse nachzudenken…

Bewertung

„Was vom Tage übrig blieb“ ist das wohl bekannteste Werk des Literaturnobelpreisträgers des Jahres 2017, Kazuo Ishiguro, und verdeutlicht zugleich auch in eindrücklicher Weise, warum Kazuo Ishiguro diesen Preis mehr als verdient hat. Selten hat man das Vergnügen, den Berichten eines Ich-Erzählers zu folgen und sich dabei der Person so nahe zu fühlen, wie in diesem Roman. Kazuo Ishiguro gelingt es, dass der Leser schon nach kürzester Zeit James Stevens Gedenkengänge und Handlungen nachvollziehen kann. Stevens Denken und Handeln wird dem Leser so nahe gebracht, sodass man ihn verstehen und mit ihm mitfühlen kann, auch wenn die Art und Weise seines Denkens und Handelns unter heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen nur schwer vorstellbar ist.
Der Leser bekommt eine Person nähergebracht, die seine eigenen Ansprüche ganz zurückstellt. Das ganze Leben und Wirken Stevens ist auf das Wohl seines Herren ausgerichtet. So kennt Stevens quasi keine Trennung von Freizeit und Arbeit, denn sein gesamtes Leben ist von Arbeit bestimmt, er lebt an seinem Arbeitsort und steht rund um die Uhr zu Verfügung. Seine einzige freie Zeit sind ein paar Stunden am Abend, doch auch dort sind seine Gedanken von Arbeit bestimmt. Dann beschäftigt ihn etwa, was einen „perfekten Butler“ charakterisiert oder wie er den Haushalt noch besser organisieren kann. Da er voll und ganz auf seine Arbeit fixiert ist, nimmt er auch die Liebesgeschichte, die sich zwischen ihm und Miss Kenton anbahnt, kaum wahr und als es ihm schließlich einigermaßen bewusst wird, ist es zu spät.
Obwohl der Roman auch in Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg spielt, sind in Stevens Gedanken keine Ansätze eines modernen Gedankenguts zu spüren. Er ist die Vervollkommnung von Ergebenheit. So zweifelt er in keinem Fall an den Handlungen seiner Herren und sucht dagegen auch bei offensichtlich falschem Verhalten eher noch nach Relativierungen und auch, wenn er selbst anderer Meinung ist, macht er dies nie deutlich, sondern nimmt alle Aufträge seiner Herren unkritisch so tun. Dabei lässt er sogar offensiv gegenüber ihm getätigtes ungerechtes Verhalten über sich ergehen. Er hat sich über die Jahre solch einen Panzer angelegt, dass so etwas kaum an ihn herankommt, sondern er immer nur das Wohl seines Herren und das Aufrechterhalten einer angenehmen Situation im Blick hat. Die Welt ist für ihn voll klarer Hierarchien, die er nicht hinterfragt und sogar auch in Bezug auf seinen eigenen Vater nicht aufgibt.
Damit ist „Was vom Tage übrig blieb“ einerseits eine Charakterstudie einer vergangenen Zeit, spiegelt andererseits aber auch vergangene gesellschaftliche Verhältnisse wider. Der Leser hat Gelegenheit, sich kritisch mit Formen von Dienerschaft auseinanderzusetzen und Hierachien zu hinterfragen, denn nicht nur einmal wird im Roman eindrücklich aufgezeigt, wie bessere Entscheidungen bei anderen Entscheidungsträgern getroffen worden wären.

Fazit

„Was vom Tage übrig blieb“ ist eine Charakterstudie eines seinem Herrn vollends untergebenen Butlers. Der Roman charakerisiert eine Person, die ihre eigenen Interessen vollstädnig zurückgestellt hat und nur für ihre Arbeit lebt. Zugleich lässt er den Leser kritisch über damalige gesellschaftliche Verhältnisse und Hierachien nachdenken.

5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 07:46 Uhr.

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