Mittwoch, 25. Oktober 2017

Rezension: Wild Cards. Die erste Generation 2. Der Schwarm (George R. R. Martin)

Penhaligon
Paperback, 576 Seiten
ISBN: 978-3-7645-3171-3
15,00 €

eBook, 11,99 €
ISBN: 978-3-641-19299-0

Ein kurzer Einblick

Die Freisetzung des Wild Cards-Virus konnte nicht verhindert werden und hat die Welt verändert. Joker und Asse haben sich etabliert, die einen verachtet, die anderen gefürchtet und verehrt. Kaum hat die Menschheit die Veränderung der Gesellschaft akzeptiert, droht eine neue Gefahr aus dem All: Die Schwarmmutter sondiert die Erde. Keine Macht des Universums konnte sie jemals aufhalten.

Bewertung

Es ist nun etwa 30 Jahre her, dass sich eine Gruppe von Rollenspielern zusammentat, um die Welt des Wild Cards-Virus zu entwerfen. Unter ihnen ist niemand Unbekannteres als George R. R. Martin, der die Reihe maßgeblich herausgab. Hierzulande dürften dem einen oder anderen auch Namen wie Roger Zelazny oder Walter Jon Williams bekannt sein, die ebenfalls mitwirkten. 1996 sind die Storys bereits bei Heyne erschienen, bei Penhaligon liegen sie nun vollständig und in einem Band vor. Wer keinen der alten Bände sein Eigen nennen darf, kommt endlich in den Genuss der Etablierung der Asse und Joker in unserer Welt und deren Kampf gegen die Schwarmmutter.

Die McCarthy Ära ist vorbei. Die Asse und Joker haben sich etabliert. Dr. Tachyon forscht an einem Heilmittel gegen das Wild Cards-Virus und hilft den Jokern, die es besonders schlimm getroffen hat. Während die Asse mit Superheldenkräften in ein erfolgreiches Leben starten können, sind die Joker von Missbildungen und oftmals einem kaum mehr menschenähnlichen Aussehen geprägt. George R. R. Martin und seine Autorenkollegen betteten ihre Superhelden in ein Universum, das eine Alternativgeschichte zu unserer Welt erzählt. Versuchte der erste Band noch an Weltereignisse anzuknüpfen, diese leicht verändert in das Wild Cards-Universum zu integrieren, verabschieden die Autoren sich nun vollkommen von einer nahen Parallelwelt und spinnen die Weltgeschichte frei weiter. Damit verabschieden die Autoren sich aber auch von einer Bodenständigkeit, die greifbar ist. Es ist keine Science-Fiction mehr, die real hätte sein können, es ist nur noch Science-Fiction, die sich der irdischen Geografie, Länder- und Stadtnamen bedient. Der Fokus wird weggelenkt von einer realistischen Möglichkeit unserer Welt, wenn nur eine Kleinigkeit anders geschehen wäre, hin zu einer Dystopie.

Die Schwarmmutter nährt sich der Erde, um sie sich einzuverleiben. Keine Rasse im Weltall konnte sich ihrer Macht wiedersetzen. Sie ist das gefürchtete Wesen, der Schrecken aller Völker. Sie ist geduldig; ein Jahr oder ein Jahrzehnt macht keinen reellen Unterschied, wenn man Jahrmillionen durch die Weiten des Weltraums gleitet. Die Schwarmmutter ist eine überirdische Macht, die die Erde sondiert und deren Vernichtung plant. Die Menschheit ist ahnungslos, nur Jube, das Walross, erfährt, wenn auch viel zu spät, von ihrer Anwesenheit, bevor die erste Welle der Angreifer Zehntausende Menschen tötet. Jube (»Jube: Eins« bis »Jube: Sieben«, George R. R. Martin) ist der wiederkehrende Erzähler, der die Handlung leitet und die Erzählungen beisammen hält. Viel zu viele Geschichten treiben zwar die Charakterisierung, die Beschreibung von Jokertown und einzelnen Persönlichkeiten voran, tragen aber wenig bis gar nichts zum roten Faden bei. Dr. Tachyon erhält ungewollten Besuch von seinem Heimatplaneten (»Verwandschaftsprobleme«, Melinda M. Snodgrass). Nebenbei wird ein Handlungsstrang eingeleitet (»1976. Pennys aus der Hölle«, Lewis Shiner), der einen Kult um TIAMAT aufbaut. An und für sich ist der Plot eng mit dem Hauptplot verbandelt, nur fühlt sich die Erzählweise viel zu nebensächlich an. Die Belanglosigkeit, das Dahindümpeln von Handlungssträngen trübt die allesamt wirklich hervorragend erzählten Geschichten und charakterisierten Charaktere derbe. Das Endergebnis liest sich absolut rund, versteht sich nur viel zu wenig darauf, bei der Vielzahl an Charakteren und Handlungsideen am Ball zu bleiben.

Ich verliere selten ein Wort zum Cover, aber: Was bitte soll das? Eine optische Coverneuausrichtung ist ok. Aber ein Cover, das nicht im Ansatz zum Inhalt passt, mag im Buchhandel ein Blickfang sein, aber das funktioniert auch mit einem Cover, das den Inhalt widerspiegelt oder einen der Hauptcharaktere zeigt.

Fazit

Geschichten können noch so spannend, stilistisch keiner Kritik ausgesetzt sein – doch Geschichten, die eine Handlung erzählen, sollten zusammenarbeiten. Die Form des Mosaik-Romans ist die größte Stärke der »Wild Cards«-Reihe; und diese wird gnadenlos verschenkt. Die Handlung dreht sich um die Schwarmmutter, doch die Stories erzählen eigene Geschichten. Ist das eine falsche Planung zwischen den Autoren oder eine falsche Vermarktung des Bandes?

3 von 5 Punkten

Alle Rezensionen zur Serie / Reihe:

Geschrieben von um 09:38 Uhr.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

vier × eins =