Montag, 18. Dezember 2017

Rezension: Wolfsruf (S. P. Somtow)

Heyne
Taschenbuch, 683 Seiten
ISBN: 978-3-453-40747-3
9,95 €

Ein kurzer Einblick

Carrie Dupre reist nach South Dakota. In einer Irrenanstalt in der kleinen Provinzstadt Winter Eyes, interviewt sie J. K., einen Mörder, der seine Opfer in Stücke reißt, und eine gespaltene Persönlichkeit besitzt. Von ihm erfährt sie die Geschichte der Stadt, von den rivalisierenden Werwölfen – und auch etwas über ihre eigene Familiengeschichte.

 

 

Bewertung

»Wolfsruf« ist ein düsterer Roman, den S. P. Somtow 1989 schrieb. Instinkt und Sex anstatt Romantik und Kuscheln – der Roman ist brutal, tierisch und vor allem vom Geruch aus Hundepisse und Moschus durchdrungen. Werwölfe sind keine lieben Schoßtierchen, sondern grausame Kreaturen, die ihr Revier verteidigen und unliebsame Besucher vertreiben oder fressen. Sie sind übermenschlich stark, verfolgen eigene Interessen und können kaum verwundet oder umgebracht werden. Silber, von den Indianern Mondmetall genannt, ist das einzig wirksame Mittel gegen Werwölfe, um sie zu vergiften. Bei Vollmond erwacht die innere Bestie und sie verwandeln sich in reißende Tiere. Das Mondlicht beschleunigt den Prozess.

Der Roman beginnt schaurig gut. Im dichten Schneegestöber langt Carrie Dupre an der Irrenanstalt in South Dakota an. Sie ist hier, um J. K. (Jonas Kay, ein Name seiner vielen gespaltenen Persönlichkeiten) zu interviewen und ein Buch über ihn zu schreiben. J. K. ist die Schlüsselfigur in der eigentlichen Handlung, die um 1880 herum spielt. Ein Rudel Werwölfe möchte in der Einöde Amerikas eine Siedlung gründen. Der Traum verpufft, als die Werwölfe feststellen, dass ein indianisches Rudel bereits in der Gegend lebt. Es kommt zu kämpfen zwischen Indianern, Werwölfen und Kavalleristen.
S. P. Somtow fängt die große Weite der amerikanischen Prärie wunderbar ein. Der Bau der Eisenbahnstrecken ist in vollem Gang, Siedler stoßen in das Land vor, Indianer werden in Reservate eskortiert, Cowboys jagen Büffelherden und der Umgang und das Leben der Menschen in den Städten ist rau. Man nennt es Zivilisation, doch der europäische Lebensstandard ist noch lange nicht über das Meer gekommen. Goldsucher versuchen ihr Glück, Gauner nehmen bei Kartenspielen die reichen Leute aus, Huren und Zeitungsverkäufer versuchen über die Runden zu kommen. Überhaupt scheut der Autor vor wenig zurück. Er hat keine Skrupel Sex mit Minderjährigen zu schildern, ein Indianerdorf abzuschlachten und Babys mit Stiefeltritten zu töten. Der Umgang im Roman ist hart – aber das ist auch das Leben im Wilden Westen; und die Werwölfe. Wenn sie sich nicht gerade verwandelt haben, sehen sie zwar menschlich aus, doch die Triebe des Wolfes stecken noch immer in ihnen. Reviere werden abgesteckt, sie stinken nach Moschus und Hundepisse. Sex ist triebgesteuert, wenig lustvoll. Das Fortbestehen des Rudels hat oberste Priorität. Sie besitzen die Schläue des Menschen und die reißerische Wut des Tieres. Sie sind die auserkorenen Herrscher des Landes. Zumindest hätten sie das gerne.
S. P. Somtow erzählt eine Siedlungsgeschichte im Wilden Westen, mixt Werwölfe mit Indianermythen und ein Junge mit gespaltener Persönlichkeit avanciert zur Schlüsselfigur. Die Charaktere sind simpel in ihrem Verhalten und der Einordnung in Gut und Böse. Der Gauner ist auf Gold aus. Die Rudelführerin ist eine wahre Schönheit. Der Rudelführer ist ein skrupelloser Macho mit zu viel Geld. Das Kindermädchen des Jungen J. K. ist ein mutiges Naivchen und das Flittchen des Rudelführers. Nur J. K. sticht durch seine verschiedenen Persönlichkeiten heraus. Natürlich gibt es den Werwolf in ihm. Daneben existiert aber z. B. noch der weinerliche Junge, der sich an sein Kindermädchen klammert, oder der arrogante Junge, der hochnäsig auf alles und jeden reagiert. Überhaupt ist J. K. erfreulich differenziert in Szene gesetzt. Seine Persönlichkeiten wechseln sich nicht einfach nur willkürlich ab, sondern liefern sich einen inneren Machtkampf. Wer die Lichtung im Wald beherrscht, übernimmt den Körper. Wer auf die Lichtung geschubst wird, muss in einer vielleicht für ihn unglückseligen Situation klar kommen. Denn wer einmal auf der Lichtung ist, kann dort von den anderen auch gefangen gehalten werden. Die Lichtung ist sowohl Gefängnis, wie auch Freiheit. Jede Persönlichkeit J. K.s verfolgt eigene Interessen.

Fazit

»Wolfsruf« ist harter Tobak – rau, gefährlich, gewalttätig … S. P. Somtow fängt eine Stimmung ein, die den Wilden Westen wunderbar charakterisiert. In der Geschichte vermischt er das Cowboy-Setting mit Indianermythen und Werwölfen. Amerika das Land der Träume – wohl kaum! Der Autor schildert die widerwärtige und unmenschliche Seite des Menschen. Der Werwolf ist da nur die überspitzte Karikatur, die ein düster-phantastisches Element mit einbringt.

4 von 5 Punkten

Geschrieben von um 19:25 Uhr.

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