Dienstag, 19. September 2017

Rezension: Zeiten des Aufbruchs (Carmen Korn)

Kindler
Hardcover, 608 Seiten
ISBN: 978-3-463-40683-1
19,95 €

Ein kurzer Einblick

Hinter den Freundinnen Henny, Käthe, Ida und Lina liegen zwei Weltkriege. Doch obwohl Hamburg zerstört ist, beginnen mit dem Wirtschaftswunder auch langsam wieder bessere Zeiten. Hennys Tochter wird Ärztin und ihr Sohn geht zum Radio. Lina gründet eine Buchhandlung und auch Ida findet endlich ihre Berufung. Doch nur Käthe bleibt weiterhin verschwunden …

Bewertung

Nach dem ersten Teil von Carmen Korns Jahrhundert-Trilogie, „Töchter einer neuen Zeit“, fieberte man als Leser dem zweiten Teil regelrecht entgegen, um zu erfahren, wie es mit den liebgewonnenen Figuren weitergeht. Doch die am Ende des ersten Bandes aufgeworfenen Glifhanger sind schnell aufgeklärt und dann verkommt der Roman spätestens nach einem Drittel der Handlung leider zu einer Erzählung des weiteren Lebens der vier Freundinnnen und ihrer Familien sowie Freunde. Dieser Erzählung fehlt leider jede Spannung, sodass die Geschichte nur so vor sich hinplätschert, ohne Höhen, Tiefen oder gar Konflikte. Wenn man die Figuren nicht im ersten Band liebgewonnen hätte, würde man den Roman wahrscheinlich vor Langeweile beiseite legen, doch so möchte man immerhin wissen, wie es mit den Figuren wohl zu Ende geht. Leider ist es wirklich nicht mehr als das. Man erkennt leider überhaupt nicht, was uns Carmen Korn mit diesem Werk sagen möchte, außer, dass Lebensgeschichten erzählt werden. Kenner Hamburgs können sich wenigstens noch an den Bezügen zu Orten und Straßen der Stadt erfreuen.
Konnte man beim ersten Band noch bewundern, wie Carmen Korn geschichtliche Ereignisse mit den Leben der Figuren verknüpft und dadurch immer wieder für Spannung gesorgt, gelingt ihr dies in diesem Buch quasi komplett nicht mehr. Leider hat man das Gefühl, dass der geschichtliche Stoff nach den beiden Weltkriegen und der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten für die Autorin nichts offensichtliches mehr geboten hat, dass sich mit den Schicksalen der Protagonisten verknüpfen hätte lassen. Einzig bei der Sturmflut 1962 deutet Korn das an, was den Leser im ersten Band so fasziniert hat. Zudem wird ein Handlungsstrang aufgebaut, der im dritten Teil wohl zum RAF-Terrorismus führen wird, doch das ist leider viel zu wenig, um dem ersten Band das Wasser zu reichen.
Generell hat man leider das Gefühl, dass Carmen Korn mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihren Stoff verloren hat. Die Figuren leben so vor sich hin und angesichts der 1960er Jahre leben alle Figuren außergewöhnlich lange. Es scheint so, dass Carmen Korn die Figuren und Erzählungen ausgehen, sodass alle Personen außergewöhnlich lange leben und arbeiten müssen. Neue Personen werden dagegen kaum eingeführt und das Leben der jüngeren Protagonisten bietet kaum Spannenderes als der Altbekannten, sodass man mit ihnen auch nicht so warm wird und sie nicht so liebgewinnt wie die Hauptfiguren aus dem ersten Band. Die bedrohliche Situation, dass zwei der jüngeren Personen eine homosexuelle Beziehung unter Männern führen, die sie nicht öffentlich ausleben können, scheint leider auch arg konstruiert vor dem Hintergrund, dass im ersten Teil zwei Lesben den Nationalsozialismus heil überstanden haben und im zweiten Teil unbeschwert zusammenleben.

Fazit

Leider kann man dem zweiten Band von Carmen Korns Jahrhundert-Trilogie nicht viel abgewinnen, außer, dass man erfährt, wie es mit liebgewonnenen Figuren weitergeht. Wenn man den ersten Band nicht kennt, sollte man daher auf keinem Fall zu diesem greifen. Hamburg-Kenner können sich dagegen wieder an Bezügen zur Stadt erfreuen. Für alle anderen wird wenig Anreiz geschaffen, den dritten Band zu lesen, da die Gefahr groß scheint, dass er zu einer Totenerzählung gerät.

2.5 von 5 Punkten

Wir danken dem Rowohlt Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Geschrieben von um 10:30 Uhr.

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