Sonntag, 16. August 2020

Rezension: Zerfleischt (Tim Curran)

Festa Verlag
Taschenbuch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-386552-137-8
13,95 €

eBook, 4,99 €
ISBN: 978-3-86552-168-2

Ein kurzer Einblick

Der Mensch ist ein Tier. Wenn Kannibalismus, Mord und Vergewaltigung das Ende der Zivilisation einleiten, greift das Chaos um sich. Blut und Gedärm färben die Straßen rot, schwelende Feuer und Uringestank verpesten die Luft. Der Alptraum der Hölle erhebt sich in einem urgewaltigen Schrei und der Mensch wird Tier sein.

Bewertung

Der Mensch ist ein Tier. Die Reduktion des Menschen auf das kreatürliche Gewissen, Vergewaltigung, Verstümmelung und Kannibalismus ist der treibende Gore-Faktor, der die kaum existente Handlung von »Zerfleischt« vorantreibt. Kinder, Schwangere, Senioren, Büroangestellte, Polizisten, Lehrer, Schüler – sie alle werden in die degenerative Sklaverei des Urmenschen zurückgeworfen; oder zur Beute erklärt. Tabubrüche, akzeptierte Normen oder Menschlichkeit wirft Tim Curran zugunsten eines nüchtern-drastisch erzählten Niedergangs der Menschheit auf den Abfallhaufen der Geschichte. Die Schonungslosigkeit, mit denen der Autor Figuren unabhängig von Alter, Geschlecht oder gesundheitlicher Verfassung behandelt, lässt die Geschichte überzeugend ihre volle Kraft entfalten.
Louis Shears lebt im friedlichen Greenlawn, als ein Jugendlicher brutal zusammengeschlagen wird. Als die Polizei eintrifft, treten diese dem Opfer den Brustkorb ein. Schüler zerfleischen ihren Lehrer, Nachbarn greifen Nachbarn an. Etwas Düsteres befällt die Menschen, die rasend schnell in Chaos und steigender Gewalt versinken. Verstand und Intelligenz entwickeln sich vom hochgezüchteten Menschen der Moderne zurück zum brutalen Menschen der Urzeit. Territoriales Verhalten und Rudelbildung prägen bald das Stadtbild, schwärende Feuer und bratendes Menschenfleisch zieht als Miasma durch die Straßen, während die Rudelführer sich mit dem Blut ihrer Opfer einreiben.
Charaktere existieren, um die Gewalt zu inszenieren. Tiefe ist vergeblich zu suchen. Die Handlung ist eine steigende Tendenz des blutigen Grauens. Die Regression des Menschen ist der treibende Faktor, der kaum einer Erklärung bedarf. Die Erklärung eines Anthropologen vergeht als Randnotiz im blutigen Gedärm, skalpierten Köpfen, fettigen Fleisches über Feuern und den Schreien der Wehrlosen. Die Gewaltsteigerung vom Einzelfall bis zur Massenvergewaltigung an Seele und Fleisch ist ein unterbrechungsfreies Massaker, das niemals Ruhe gibt und nur durch stetige Steigerung überhaupt das Interesse am Fortgang aufrecht erhalten kann.
Louis ist in der Kakophonie urzeitlicher Jagdschreie und des triefenden Miasmas gefangen. Es gibt kein Entkommen, nur das Überleben oder die Hingabe seines kultivierten Verstandes, die ihn vom Tier unterscheidet. Sein Wille nicht aufzugeben treibt ihn voran, lässt ihn durchhalten und niemals die Hoffnung verlieren. Er ist der Funke in einem Meer der Gewalt.

Fazit

»Zerfleischt« ist eine Orgie aus Blut, Gedärm und Urin, die kein Ende findet. 400 Seiten Gore lassen eine Story vermissen, die Sammlung des konzentrierten Blutrauschs dominiert das Geschehen, anstatt wohldosierter Schocker. Es ist ein einfacher Roman, der den Gore verherrlicht, aber auch wegen seiner Einfachheit und des nüchternen Stils es versteht die Gewalt durchweg spannend zu inszenieren. Trotz fehlender Abwechslung, vergeht die Leselust nie.

3 von 5 Punkten

Geschrieben von um 18:06 Uhr.

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